Wut ist kein guter Ratgeber – auch nicht gegenüber Erdogan

Gepostet am 18.07.2017 um 14:57 Uhr

Yücel, Steudtner, Incirlik, Konya: Die Willkür, mit der Erdogan rechtsstaatliche Prinzipien mit Füßen tritt, macht wütend. Doch der Türkei die Tür nach Europa zuzuschlagen, wäre falsch, kommentiert Thomas Baumann.

Incirlik, nun Konya. Vor Wochen Deniz Yücel, heute nun Peter Steudtner. Und da sitzen noch Tausende andere in Gefängnissen, deren Namen wir nicht kennen. Es ist die Willkür Erdogans, die wütend macht. Da werden rechtsstaatliche und demokratische Prinzipien mit Füßen getreten. Ginge es alleine um das, was wir als Wertegerüst Europas bezeichnen, dann hätte die Türkei in der Europäischen Union nichts verloren. “Wieso hätte?”, werden Sie fragen.

Erdogan wartet nur darauf

Weil Wut kein guter Ratgeber ist. Weil Erdogan nur darauf wartet, dass wir uns von ihm in die Spirale der Eskalation hineinziehen lassen. Weil er nur hofft, dass wir es sind, die die EU-Beitrittsverhandlungen beenden und der Türkei damit die Tür nach Europa zuschlagen. Erdogan braucht genau diese Eskalation, um zu Hause von den zunehmenden wirtschaftlichen Problemen abzulenken. Diesen Gefallen dürfen wir ihm nicht tun. Nichts würde besser werden, wenn wir – wozu es in der Tat gute Gründe gibt – unsere Soldaten aus Konya abzögen. “Wieso abzögen?”, werden Sie sagen. Weil wir es nicht zulassen dürfen, dass die Türkei schleichend aus der NATO driftet!

Die anderen 48 Prozent

“Warum so nachgiebig und kuschend gegenüber Erdogan?”, werden Sie fragen. Weil – und spätestens dieses Argument sollte nun doch überzeugen – Recep Tayyip Erdogan eben nicht die Türkei ist. 48 Prozent der Türken haben jüngst gegen die Änderungen der Verfassung und damit gegen Erdogan gestimmt. Wollen wir die für Erdogan strafen?

Zuletzt aktualisiert: 21.09.2017, 23:06:26