“Das ist die Quadratur des Kreises”

Gepostet am 02.08.2017 um 17:23 Uhr

Vor zwei Jahren kam der VW-Abgasskandal ins Rollen. Auslöser waren Untersuchungsergebnisse des International Council on Clean Transportation (ICCT). Peter Mock, Europachef des Instituts, erläutert im Interview mit uns die Hintergründe des Skandals um Diesel-Abgaswerte und ordnet ein, wo die deutschen Autohersteller im internationalen Vergleich stehen.

Herr Mock, mit Ihrer Studie zum Abgasverhalten deutscher Diesel-Autos in den USA haben Sie den dann folgenden Diesel-Skandal angestoßen. Mehr als zwei Jahre danach findet der Diesel-Gipfel in Berlin statt. Meinen Sie, dass Politik und Industrie ausreichend schnell reagieren?

Was man sagen kann, ist, dass nach dem Bekanntwerden des Diesel-Skandals tatsächlich sehr viel passiert ist. Es wurde nachgetestet. Es wurden Daten gesammelt. Und das allein finde ich schon ganz wichtig, weil wir jetzt endlich einen guten Überblick darüber haben, wie die einzelnen Hersteller abschneiden und welche Fahrzeuge tatsächlich hohe Emissionen haben. Zu dem Diesel-Gipfel muss man allerdings sagen, dass er recht spät kommt. Ich hätte mir gewünscht, dass er vielleicht schon vor zwei Jahren stattgefunden hätte, nämlich damals, als das Thema gerade hochkam. Und wenn man damals schon sich zusammengesetzt hätte und entsprechende Aktionen beschlossen hätte, dann hätten wir, glaube ich, vieles von dem verhindern können – nämlich diesen Vertrauensverlust in den letzten zwei Jahren.

Die Industrie setzt auf preisgünstige Software-Lösungen – also Änderungen bei der Motorsteuerung der betroffenen Euro-5- und Euro-6-Fahrzeuge. Wird das bei allen betroffenen Fahrzeugen zu deutlich niedrigeren NOx-Werten führen?

Ein Software-Update kann tatsächlich bei einigen Fahrzeug-Modellen gut funktionieren – nämlich dann, wenn die Fahrzeuge schon die richtige Technologie an Bord haben und wenn es nur noch eine Frage ist, ob diese Technologie auch im Alltag richtig genutzt wird. Und konkret geht es darum, dass man dann bei diesen Fahrzeugen mehr Harnstoff einspritzt und dadurch die Emissionen des Fahrzeugs reduziert. Ein Software-Update kann aber dann nicht funktionieren, wenn das Fahrzeug gar nicht die richtige Technologie an Bord hat. Wenn der Katalysator zu klein ist, dann hilft eigentlich auch das beste Software-Update nicht.

Der Bund verlangt jetzt, dass die betroffenen Fahrzeuge nach dem Software-Update nicht mehr andere Schadstoffe wie CO2 ausstoßen, dass sie nicht mehr verbrauchen, dass sie nicht lauter sind und dass sie nicht an Motorleistung verlieren. Ist das tatsächlich bei allen Fahrzeugen zu garantieren?

Es ist ein unheimlich schwieriger Zielkonflikt, den die Autohersteller haben, denn: Wenn man so ein Software-Update wirklich vernünftig durchführen will und entsprechend die Stickoxide runterbringen will, dann ist es meiner Meinung nach auch so, dass der Verbrauch zumindest leicht ansteigen wird. Und genau das wird den Herstellern aber nicht erlaubt. Das heißt, das ist die Quadratur des Kreises und wird, glaube ich, nur so gelingen, dass man eben die Stickoxide weniger stark reduziert, als man es sonst tun könnte, wenn man da etwas mehr Spielraum lassen würde.

Ein kleines Technik-Unternehmen, die Firma Twintec, bietet schon Nachrüstlösungen für ein paar Tausend Euro an, die dann den Stickoxid-Ausstoß von Dieselmotoren tatsächlich massiv verringern. Zeigt das nicht, dass die Autoindustrie mit Software-Nachbesserungen unter ihren Möglichkeiten bleibt?

Man könnte tatsächlich viel mehr erreichen, wenn man bei den Fahrzeugen auch die technische Ausstattung verändern würde – wenn man quasi das Abgassystem mehr oder weniger ausbauen und durch ein anderes Abgassystem ersetzen würde. Das ist natürlich eine sehr aufwändige Maßnahme. Und nicht bei jedem Fahrzeug ist der Platz vorgesehen dafür. Es funktioniert nicht bei jedem Fahrzeug und es ist in jedem Fall relativ teuer.

Ist der Abgasskandal dann ein rein deutsches Problem oder wen betrifft er insgesamt?

Der Abgasskandal ist kein rein deutsches Problem. Sondern das haben andere europäische Länder ganz genauso, dieses Problem. Zum Beispiel Frankreich, wo es sehr viele Diesel-Fahrzeuge gibt. Also, letztlich stehen alle europäischen Länder vor den gleichen Problemen. Und außerhalb von Europa gibt es das Problem Dieselfahrzeuge auch noch in Südkorea, wo der Anteil relativ hoch ist. In allen anderen Märkten – also USA, China, Japan – spielt der Diesel-Antrieb im PKW-Bereich dagegen keine Rolle.

Wo sehen Sie nach Firmen und Ländern die Vorreiter, wenn es um örtliche Luftreinhaltung geht? Können Sie da Positivbeispiele nennen?

Meiner Einschätzung nach sind die USA Vorreiter. Also, dort geht man sehr konsequent gegen diese Fahrzeuge mit hohen Emissionen vor. In Europa, finde ich, sind Deutschland und Frankreich ungefähr gleichauf. In beiden Ländern gibt es oder gab es teilweise Durchsuchungen bei den Firmen. In beiden Ländern geht die Staatsanwaltschaft gegen Dieselfahrzeuge mit hohen Emissionen und deren Hersteller vor. Das Schlusslicht aus meiner Sicht ist Italien: Dort haben die Behörden auch trotz der Hinweise, die es von anderen Behörden – von den deutschen Behörden – gab, immer noch nichts getan.

Eine letzte Frage noch: Liegt der Ball eigentlich bei der Automobilindustrie? Oder ist es so, dass die Politik mehr die Richtung vorgeben müsste, was die Automobilindustrie machen muss?

Aus meiner Sicht sind die gesetzlichen Vorgaben – also die europäischen Regulierungen – sehr klar formuliert. Da steht drin: Die Fahrzeuge müssen sauber sein im normalen Betrieb. Woran es haperte in der Vergangenheit, ist die Umsetzung. Und die ist auf der nationalen Ebene. Und da würde ich tatsächlich zum Beispiel den deutschen Behörden vorwerfen, dass sie eben nicht regelmäßig nachgetestet haben, dass sie nicht genau hingeguckt haben und auch bis heute keine Strafen verhängt haben. Aber man muss ganz klar sagen, dass die Hauptverantwortung bei den Autoherstellern selbst liegt. Denn auch wenn es keine Nachkontrollen gab und immer noch relativ wenige Nachkontrollen gibt, dann ist das ja noch lange kein Ausrede dafür, dass man die gesetzlichen Schlupflöcher nutzt und schummelt.

Zuletzt aktualisiert: 20.08.2017, 22:53:09