Was ist dran am “Schulzeffekt”?

Gepostet am 03.02.2017 um 15:59 Uhr

Die SPD hat plötzlich wieder realistische Chancen die kommende Bundestagswahl zu gewinnen. Liegt das wirklich am Kandidaten? Kann er so großen Einfluss auf die Wahlaussichten seiner Partei haben?

In der Wahlforschung gibt es verschiedene Ansätze, das Wahlverhalten von Menschen zu erklären. Mit am besten funktioniert das sozialpsychologische Modell. Es erklärt Wahlverhalten über die persönliche Motivation des Wählers. Der Ansatz geht davon aus, dass jeder Mensch eine individuelle Bindung an eine Partei oder zumindest an eine politische Strömung hat. Diese entwickelt sich in der Kindheit und wird dabei vom Umfeld der jeweiligen Person beeinflusst. Mit zunehmendem Alter verstärkt sich diese Bindung normalerweise.

Wähler orientieren sich an kurzfristigen Faktoren

Neben dieser grundsätzlichen Neigung eine Partei eher zu wählen als eine andere gibt es noch zwei kurzfristige Faktoren, die das Wahlverhalten beeinflussen können. Wähler orientieren sich an Sachfragen und an Kandidaten. Die Beurteilung des Kandidaten erfolgt dabei nach zwei Kriterien: Leistung und Persönlichkeit. Zum Kriterium Leistung zählen zum Beispiel Sachkompetenz, Führungsstärke oder Problemlösungskompetenz. Bei der Bewertung der Persönlichkeit geht es insbesondere um Vertrauenswürdigkeit und sympathisches Auftreten. Die Bewertung eines Kandidaten steht dabei auch im Zusammenhang mit der Parteibindung des Wählers. Diese wirkt wie ein Vorfilter. Habe ich eine grundsätzliche Affinität für die SPD, stehen die Chancen gut, dass ich einen SPD-Kandidaten positiver bewerte als einen CDU-Kandidaten. Hat ein Wähler also eine Bindung an Partei A und ihm gefällt der entsprechende Spitzenkandidat, dann ist die Wahrscheinlichkeit groß, dass er bei der Wahl sein Kreuz auch bei dieser Partei macht. Allerdings kann es auch zu Dissonanzen zwischen diesen Variablen kommen, die dann für eine andere Wahlentscheidung sorgen können. Bewertet dieser Wähler den Spitzenkandidaten negativ oder die Spitzenkandidatin der Konkurrenz positiver, kann das dazu führen, dass er nicht zur Wahl geht oder sogar eine andere Partei wählt.

Schulz mit besseren Werten

Vergleicht man nun die Leistungs- und Persönlichkeitsbewertungen von Sigmar Gabriel und Martin Schulz ergibt sich ein klares Bild. Die deutschen Wähler schätzen Schulz deutlich positiver ein als Gabriel. Der Noch-SPD-Parteichef war für die Wahlaussichten der SPD daher wahrscheinlich eher eine Belastung. Der positiv eingeschätzte Martin Schulz reaktiviert nun offenbar potentielle Wähler mit SPD-Bindung. Sowohl aus dem Nichtwählerlager als auch aus dem Wählerreservoir aller anderen Parteien. Hinzu kommt: Die Parteibindung in Deutschland hat langfristig gesehen in den vergangenen Jahren eher abgenommen. Dadurch ist der Einfluss von kurzfristigen Variablen wie der Personalfrage gestiegen. Wähler ohne starke Bindung für eine Partei können einfacher zum Wechselwähler werden. Offenbar hat das neue Personalangebot der SPD viele dazu verleitet, ihre mögliche Wahlentscheidung zu überdenken. Auch das kommt der SPD nun in den Umfragen zu Gute. Inwieweit dieser Effekt von Dauer ist, lässt sich aber noch nicht abschätzen. Neben der Kandidatenfrage geht es bei der Wahlabsicht nämlich auch um politische Streitfragen – die sogenannte Issue-Orientierung. Laut aktuellem Deutschlandtrend sagen 68 Prozent der Deutschen, dass Lösungsvorschläge zu Sachfragen bei ihrer Wahlentscheidung am wichtigsten sind. Auch auf diesem Feld muss Schulz nun bestehen.

Zuletzt aktualisiert: 24.10.2017, 07:52:39