Bundeskanzleramtschef Altmeier im Gespräch mit Buchautor Manfred Güllner. Quelle: ARD Hauptstadtstudio / Thomas Kreutzmann

Warum die Volksparteien den Wähler vergessen haben

Gepostet am 20.07.2017 um 17:53 Uhr

Der Demoskop Manfred Güllner zeigt in seinem neuen Buch auf, warum die Volksparteien Wähler verlieren und die AfD für ihn immer schon rechtsradikal war. Thomas Kreutzmann war bei der Buchvorstellung dabei.

Der bekannte Meinungsforscher Manfred Güllner ist ein älterer Herr von 75 Jahren. Andere gehen in diesem Alter angeln. Doch der studierte Soziologe, Sozialpsychologe und Betriebswirt gibt auch im fortgeschrittenen Alter keine Ruhe.

Er hat wieder einmal ein Buch geschrieben: “Der vergessene Wähler. Vom Aufstieg und Fall der Volksparteien.” Darin legt er den Finger in eine Wunde der Parteiendemokratie, zumindest aus Sicht von Union und Sozialdemokratie.

Was führt Altmaier und Güllner zusammen?

In ihren besten Zeiten zogen CDU, SPD und CSU noch die Stimmen von über 8o Prozent der Wahlberechtigten auf sich. Inzwischen sind es deutlich unter 50 Prozent. Eigentlich nicht gerade ein Stoff, bei dem man einen wie Kanzleramtsminister Peter Altmaier (CDU) als Lobredner auf der Buchvorstellung vermuten würde. Zumal der Autor, wie man hört, seit langem der SPD angehören soll.

Aber Altmaier ist am Donnerstagmittag tatsächlich Güllners Laudator. Was also hat ihn und Güllner bei der schicken Buchpräsentation in Berlins Edelrestaurant “Borchardt” zusammengeführt? Dem CDU-Mann hat es offensichtlich gefallen, dass Güllner sehr fundiert (west-)deutsche Nachkriegs- und Parteiengeschichte samt Rückgriffen auf die Weimarer Republik erzählt und erklärt.

Der vergessene Wähler

Auf knapp zweihundert Seiten bietet Güllner eine kompakte Übersicht, die bestens erläutert, woher die deutsche Parteiendemokratie kommt – und wohin sie vielleicht geht. “Den” Wähler hält Güllner für “vergessen”, weil “die” Politik meist keine verständliche Sprache fände und zu sehr die Alltagssorgen und –probleme der Menschen vergesse.

Wer wollte ihm da widersprechen? – Außer Altmaier, der seine CDU, natürlich, für die einzige, noch wirklich vitale Volkspartei hält. Güllner hat das bei der Buchvorstellung so stehen lassen. Doch in seinem Buch beschreibt er genauer, als es Altmaier lieb sein kann, wie stark auch die CDU an Wählern, Mitgliedern und gesellschaftlicher Verankerung verloren hat.

“Die AfD ist keine ‘Auskalbung’ der CDU”

Trotzdem kann sich Altmaier auf Güllner berufen, wenn der Kanzleramtsminister mal wieder seine CDU-Vorsitzende und Kanzlerin gegen Kritik verteidigen muss. Wenn es um den Vorwurf geht, Angela Merkel habe als CDU–Vorsitzende bewusst in Kauf genommen, dass rechts von der Union ein politisches Vakuum entsteht. Das hält Güllner für Unsinn, der nicht dadurch besser würde, dass ihn Leitmedien wie der „Spiegel“ ständig wiederholten.

Und Altmaier, der offenbar die Talente eines Experten für Viehzucht mit denen des Politinterpreten vereint, konnte daher heute ebenso zufrieden wie überraschend formulieren: “Die AfD ist keine ‘Auskalbung’ der CDU”. Bingo. Schon ist Merkel aus der Schusslinie.

“Kein Vakuum am rechten Rand”

Denn Güllner liefert Altmaier Munition im (innerparteilichen) Meinungskampf: “Es gibt kein Vakuum am rechten Rand. Die AfD ist nicht vom Fleisch der CDU”. Sie greife das immer latent vorhandene, rechtsradikale Potenzial auf.

“Die AfD war von Anfang an und auch unter der Führung von Bernd Lucke eine im Kern rechtsradikale Partei”, sagt Güllner. Er hält den Begriff “Wutbürger” für verharmlosend. Es seien Wähler, die sich selbst am äußersten, rechten Rand verorten.

“Latent immer vorhanden”

Sie könnten auch mal für diverse andere Parteien stimmen. Aber wenn sie ein rechtsradikales Angebot mit einem gesellschaftlich respektablen Spitzenmann wie Professor Lucke bekämen, orientierten sie sich offen nach rechts außen.

Für Güllner tragen viele daran eine Mitverantwortung: Politikwissenschaftler, “der extrem konservative Flügel der Union” und vor allem “vielen Medien”. Sie hätten die AfD “salonfähig” gemacht “für dieses latent immer vorhandene rechtsradikale Wählerpotential”. Die Partei sei “ein Sammelbecken für jenes in Deutschland wie auch in vergleichbaren westlichen Ländern seit jeher vorhandene latente Potential von Bürgern, die anfällig für rechtsradikales Gedankengut sind.”

Güllner verzichtet nicht immer auf eine politische Keilerei

Güllner, der über viele Seiten hinweg sehr sachlich, faktenreich und trotzdem anschaulich schreibt, mag eben nicht ganz auf eine politische Keilerei verzichten. Das hat er schon 2013 demonstriert, mit seinem Buch “Die Grünen: Höhenflug oder Absturz?” an.

Die damaligen Erfolge der Grünen ließen ihn vor einer “grünen Diktatur” warnen und Güllner stellte Bezüge zum Ende der Weimarer Republik her. Kritiker attestierten ihm damals “Übertreibung auf Kosten der Seriosität”, „Krawallpublizistik“ und “Selbst-Rufmord”.

Keine Loseblattsammlung eines Zombies

Letzteren hat Manfred Güllner offensichtlich ganz gut überstanden. Denn sein neues Buch ist nicht die Loseblattsammlung eines Zombies. Sondern eine gute Aufbereitung von Befindlichkeiten, Stimmungen, Wahlergebnissen und parteipolitischen Verschiebungen in fast siebzig Jahren Bundesrepublik.

Er tut das – daran erinnerte Altmaier bei der Buchvorstellung – aus manch unerwartetem Blickwinkel. So habe ausgerechnet der frühere Widerstandskämpfer und Linkssozialist Willy Brandt als Bundeskanzler das deutsche Wir-Gefühl in den 70er Jahren getroffen und gestärkt, wenn er sagte, Deutschland könne wieder stolz auf sich sein.

SPD auf einem Irrweg

Interessant auch, dass Güllner die SPD im Wahljahr 2017 auf einem Irrweg sieht, weil sie Verteilungsgerechtigkeit thematisiert und die Reichen stärker belasten will. Wahlen würden eben nicht links der Mitte gewonnen – das hält Güllner für eine unveränderliche Konstante.
Da nickt Peter Altmaier wohlgefällig.

Und dann lobt der Kanzleramtsminister fast penetrant ein anderes Buch, das gar nicht ausliegt und das man auch gar nicht kaufen kann, aber das er, Altmaier, mit verfasst hat: das Wahlprogramm der CDU. Auch das ist eine Buchvorstellung im Wahljahr 2017.

Zuletzt aktualisiert: 22.09.2017, 17:24:51