„Unsere Söhne verlassen das Land wie Verrückte!”

Gepostet am 04.02.2017 um 13:12 Uhr

Die Reise von Entwicklungsminister Müller bringt vor allem eines: Ernüchterung und Tränen. Auch wenn es befreite Gebiete im Nordirak gibt, wollen längst nicht alle Menschen zurück.

Sufian Ahmed Ibrahim liegt mit Anorak im Bett. Es ist bitterkalt im Krankenzimmer. Vier Grad sind es draußen, drinnen fühlt es nicht viel wärmer an. Ein Blick zur kahlen Stelle unterm Fenster. Heizung? Fehlanzeige. Die plüschige Decke hat er bis unters Kinn gezogen. Er hat Schmerzen im rechten Bein, mit seinem rechten Auge kann er nur schlecht sehen.

“Nach der Befreiung von unserem Stadtviertel musste ich Wasser besorgen. Ich bin auf die Straße gegangen und dann ist ein Sprengsatz explodiert”, erzählt der 24jährige. “Der IS betrachtet all die Leute, die außerhalb ihrer Kontrolle sind als Ungläubige, als Ketzer. Und versuchen überall zu verminen damit sowohl Zivilisten als auch Soldaten Schaden nehmen.”

Sufian Ahmed Ibrahim im West Emergency Hospital in Erbil/Irak.

In Ost-Mossul haben sie ihn auf einer Art Krankenstation irgendwie genäht, die Krankenhäuser selbst sind alle zerstört. Im West Emergency Hospital in Erbil, 80 Kilometer entfernt, wollen sie jetzt mal gucken, was sie gegen die Schmerzen machen können. Es ist das Traumakrankenhaus der Region, sogar Gehirnoperationen sind hier möglich. All die schweren Fälle landen hier.

In der Zeit als Ost-Mossul befreit wurde, herrschte hier Ausnahmezustand.

“Wir waren völlig überbelegt, nichts ging mehr”, erzählt Larvand Miran, der Leiter des Krankenhauses. Jetzt sind sie ausgebrannt. “Wir haben nicht genügend Medikamente, es fehlt das nötige Operationsbesteck. Menschen sind schon gestorben, weil wir keine Infusionsnadel mehr für die Blutkonserven hatten”, klagt er.

Schuld daran sei die Zentralregierung in Bagdad. Die sei zuständig für die Zuteilung der Medikamente, doch seit einiger Zeit würden sie nichts mehr schicken.

West Emergency Hospital in Erbil/Irak.

Wenn man den Menschen, Einheimischen wie Flüchtlingen in Erbil zuhört, dann scheint es dass sie der irakischen Zentralregierung in Bagdad nicht mehr vertrauen. Das wird gerade bei einem Treffen von Entwicklungsminister Müller mit jesidischen, christlichen und syrisch-orthodoxen Vertretern deutlich. Sie halten sich nicht mehr auf mit freundlichen Begrüßungsfloskeln, sondern kommen direkt zur Sache. Erzählen den deutschen Gästen von ihren Sorgen und Nöten. Denn auch wenn ihre Dörfer und Städte befreit sind – zurück trauen sie sich nicht.

Mor Nikodemus David Sharaf, der Erzbischof der syrisch-orthodoxen Kirche von Mossul lässt lange die anderen reden. Doch als er an der Reihe ist, bricht es aus ihm heraus:

“Wir brauchen kein Geld. Kein Essen, keine Hilfe beim Aufbau unserer Kirchen. Wir brauchen Sicherheit! Alles wurde in Brand gesetzt, ausgeraubt. Wertvolle Schriften aus dem 2. Jahrhundert meiner Kirche – vernichtet! Unsere Kinder, unsere Söhne verlassen das Land wie Verrückte. Denn unsere Geschichte wurde zerstört. Der IS ist weg, aber das Gedankengut ist immer noch da. Wie sollen wir denn zurückkehren und unseren Nachbarn vertrauen, die den IS empfangen haben? All das Reden bringt nichts solange wir keine Sicherheit haben. Wir haben ein Sicherheits- und Machtvakuum im Irak.”

Sein roter Bart zittert, der kleine Mann im schwarzen Gewand bebt. Es ist ganz still im Raum. Claudia Roth, der Grünen-Abgeordneten und Vize-Präsidentin des Bundestags, stehen die Tränen in den Augen. Entwicklungsminister Müller guckt betreten. Allen ist klar: Nach dem Morden, nach den Verschleppungen und Vergewaltigungen trauen die Christen, Jesiden und Orthodoxen der Zentralregierung nicht mehr über den Weg, für ihre Sicherheit zu garantieren. Sie hängen fest im Nirgendwo. Sie sind Fremde im eigenen Land.

Claudia Roth war schon unzählige Male in der Region, hat oft mit Christen und Jesiden geredet, doch dieses Mal ist sie erschüttert.

“Diese tiefe Traurigkeit, dieses Gefühl, dass sie offenbar nicht mehr dazugehören – das war vorher nicht so. Bagdad fühlt sich nicht verantwortlich. Wo bleibt der politische Druck, auch international?”

Claudia Roth, Bundestagsvizepräsidentin und Gerd Müller, CSU, Bundesminister für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung.

Eine ganz konkrete Möglichkeit hat die Bundesregierung selbst.

“Wir verhandeln mit Bagdad einen 500-Millionen Kredit und der muss natürlich auch mit politischen Vorgaben verbunden sein”, so Entwicklungsminister Müller. “Das heißt Schutz der Minderheitenrechte. Das ist ein ganz zentraler Punkt, der eingehalten werden muss.”

Zumindest im West Emergency Hospital in Erbil kann Müller direkt helfen: Er bringt ein Ultraschallgerät und einen dringend benötigten Krankenwagen mit. Sufian Ahmed Ibrahim, der Mann mit der Sprengsatz-Verletzung, hofft morgen entlassen zu werden. Dann geht er zurück nach Ost-Mossul.

“Angst habe ich nicht”, sagt er, “das ist schließlich meine Heimat.”

West Emergency Hospital in Erbil/Irak.

Gab es Folter an jungen Flüchtlingen? Bundesentwicklungsminister Müller muss auf seiner Reise in den Nordirak nicht nur über Flüchtlingshilfe reden, sondern auch über die Foltervorwürfe an die kurdischen Partner. Mehr Informationen zur dritten Reise von Bundesminister Müller in den Irak erhalten Sie hier: Folter von jungen Flüchtlingen?

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Zuletzt aktualisiert: 22.10.2017, 11:46:56