Unbezahlte Arbeit in der Gesellschaft erledigen meistens die Frauen

Gepostet am 11.03.2017 um 14:09 Uhr

Wie steht es im Jahr 2017 um die Chancengleichheit von Mann und Frau? Weiterhin schlecht, zumindest für die Frauen. Linda Schildbach hat sich den 2. Gleichstellungsbericht genauer angesehen.

Viele Paare wollen es sich gerecht aufteilen: die Kinder in den Kindergarten bringen, die Wohnung putzen, Einkäufe erledigen oder Angehörige pflegen. Doch am Ende übernehmen diese Aufgaben meist immer noch die Frauen. Jetzt wurde diese Ungleichheit in Zahlen erfasst.

Was ist eigentlich das Problem?

Frauen leisten täglich 52 Prozent mehr unbezahlte Arbeit als Männer, das stellten die Gutachter des zweiten Gleichstellungsberichts fest. Unter „unbezahlter Arbeit“ verstehen sie dabei die aufgebrachte Zeit für Kinder, Haushalt, Pflege und Ehrenamt. Demnach verrichten Frauen davon fast anderthalb Stunden mehr pro Tag als Männer.

„Gender Care Gap“ (Sorgearbeitslücke) nennen die Sachverständigen diese Ungleichheit. Für die Frauen hat dieser Mehraufwand zur Folge, dass sie in ihrem beruflichen Lebensverlauf weniger Einkommen erzielen. Sie sind es zum Beispiel, die für die Pflege der Kinder oder Angehörigen häufiger in Teilzeit gehen.

Was zwingt junge Paare zu dieser Entscheidung?

Das liegt laut Gutachten auch an den gesellschaftlichen Strukturen in Deutschland. Eltern müssten sich hierzulande entscheiden, wer von ihnen die Rolle des Ernährenden und die des Sorgenden übernimmt. Von den Strukturen her, werde dabei das traditionelle Rollenverständnis favorisiert.

Für junge Väter, die gern mehr Zeit mit ihren Kindern verbringen möchten, sei es häufig nicht so einfach, dies auch umzusetzen. Viele Betriebe würden ihre Angebote von Teilzeit oder flexibler Arbeitszeit oft derart gestalten, „dass sie sich in erster Linie an Mütter richten.“, erklärt die Kommissionsvorsitzende Eva Kocher und ergänzt: „Möchte ein Mann sie wahrnehmen, hat er oft mit Nachteilen und Barrieren zu rechnen.“

Männer und Frauen haben in Deutschland noch immer nicht die gleichen Verwirklichungschancen, zu dem Schluss kommt das Gutachten. Auf Basis der Untersuchungen und des ersten Gleichstellungsberichts wurden nun in 14 Kapiteln konkrete Handlungsvorschläge für die Politik formuliert. Die Empfehlungen reichen von Änderungen im Steuer- und Sozialversicherungsrecht, über die Einführung flexibler Arbeitszeit-Modelle bis zur Abschaffung der Mini-Jobs in ihrer jetzigen Form.

Den Menschen soll es ermöglicht werden, Erwerbs- und Sorgearbeit zu verbinden und sich nicht für eins von beiden entscheiden zu müssen. Nur so könne Gleichstellung erreicht werden, finden die Gutachter.

Wie will die Ministerin die Vorschläge in der Praxis umsetzen?

Durch den ersten Gleichstellungsbericht hat Manuela Schwesig bereits einige Maßnahmen eingeleitet, welche die Situation für Männer und Frauen verbessern soll. So zum Beispiel wurden Kinderbetreuung und Elterngeld ausgebaut, aber auch das Elterngeldplus eingeführt. Als wichtige Schritte für mehr Gleichstellung und damit Reduzierung der „Sorgearbeitslücke“ nannte Schwesig auch die noch nicht umgesetzten Vorhaben: das geplante Familiengeld, das Gesetz für mehr Lohngerechtigkeit und die Reform der Pflegeberufe.

Zusammen mit Gesundheitsminister Gröhe will Schwesig die Alterspflege aufwerten. Hierfür planen sie, den zuvor geringeren Abschluss der Altenpflege hochzustufen und mit dem der Krankenpflege gleichzustellen. Somit würden beide Berufe gleich vergütet werden. „Das bedeutet ganz konkret, bessere Bezahlung für 80 Prozent Frauen und 20 Prozent Männer, die in der Altenpflege tätig sind“, erklärt die Ministerin. Zudem soll die Ausbildung zum Altenpfleger für die Schüler nichts mehr kosten. Bisher mussten diese dafür selbst aufkommen.

Und warum sind die Zahlen so alt?

Für ihre Einschätzungen und die Berechnung der „Sorgearbeitslücke“ stützen sich die Gutachter auf Daten des Statistischen Bundesamtes aus dem Jahr 2011/2012.

Fast sechs Jahre alte Daten – das mag lange her erscheinen, doch in der Wissenschaft mahlen die Mühlen ein wenig langsamer. So führt das Amt nur aller zehn Jahre eine solche Erhebung durch. Doch das solle sich jetzt ändern, betont Frauenministerin Schwesig. In Zukunft werde das Ministerium häufiger Studien zur Gleichstellung und der „Sorgearbeitslücke“ in Auftrag geben. „Damit wir auch wissen, welche Maßnahmen wirken“.

Zuletzt aktualisiert: 20.10.2017, 19:58:14