Die Königsdisziplin im Wahlkampf

Gepostet am 03.09.2017 um 02:01 Uhr

Angela Merkel ist eine gefürchtete Gegnerin in TV-Duellen. Wenn sie heute Abend auf Martin Schulz trifft, kann sie drei erfolgreiche Fernsehschlachten vorweisen. Dabei mag Merkel solche Duelle eigentlich gar nicht. Angela Ulrich blickt zurück.

Angela Merkel ist eine gefürchtete Gegnerin in TV-Duellen. Wenn sie heute Abend auf Martin Schulz trifft, kann sie drei erfolgreiche Fernsehschlachten vorweisen. Dabei mag Merkel solche Duelle eigentlich gar nicht.

Von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Im Fernsehstudio kann man sich richtig anschreien, auch jenseits von TV-Duellen. So wie einst Helmut Kohl und Willy Brandt in den 1980er-Jahren. Kohl war damals Kanzler, Brandt SPD-Chef. Schulter an Schulter herrschten sie sich an. “Sie sagen dem Volk die Unwahrheit!”, schimpfte Brandt. “Sie können in Ihrem Parteibüro brüllen, aber hier nicht!” pampte Kohl zurück.

Die Unentschiedenen schauen zu

So laut ist Angela Merkel öffentlich noch nie geworden. Und auch mit ihrem SPD-Herausforderer Martin Schulz wird die Kanzlerin im TV-Duell ruhig umgehen. Sie mag solche Duelle eigentlich nicht, weiß aber, dass sie nicht drum herum kommt.

Es gibt hohe Einschaltquoten. Und es schauen auch solche zu, die sich sonst eher wenig für Politik interessieren, sagen Wahlforscher. Das zählt auch für eine Kanzlerin. “Ich gebe mein Bestes”, verspricht Merkel, “und ich glaube, es wird wichtig sein, deutlich zu machen: Was steht an, vor welchen Herausforderungen stehen wir?”

Der gut gelaunte Schulz

Das diesjährige Duell sollte nach dem Willen der ausstrahlenden Sender mehr Drive bekommen. Die Sender wollten das Format dementsprechend verändern. Doch Merkel verhinderte das – was Schulz kritisierte. Er liegt in allen Umfragen weit hinter der Amtsinhaberin.

Der SPD-Kandidat gibt sich zwar demonstrativ gut gelaunt: Nein, von Langeweile spüre er nichts im Wahlkampf, sagt Schulz und lacht etwas bemüht bei einem Auftritt in Leipzig. “Es gibt ja mich in diesem Wahlkampf, deshalb ist er nicht langweilig!”

Duelle – gut für Herausforderer

Aber kann Schulz durch das Duell nochmal aufholen? Der SPD-Chef setzt vor allem auf die unentschlossenen Wähler. Zwischen einem Viertel und der Hälfte der Deutschen ist laut Umfragen noch unentschieden. Und das Format der direkten Konfrontation ist eigentlich gut für den jeweiligen Herausforderer, sagt der Kölner Medienwissenschaftler Lutz Hachmeister, denn der kann sich bekannt machen.

Aber es gibt auch Fallstricke: “Schulz muss klar angreifen”, sagt Hachmeister, “aber er darf nicht übertouren, und das ist in diesem Moment eine fast unlösbare Aufgabe.” Grantige, aggressive Attacken kommen nicht an beim Wähler. Langeweile aber auch nicht.

Kiesinger: “Es steht dem Kanzler nicht gut an”

Früher verweigerten sich Kanzler Fernseh-Duellen. SPD-Kandidat Willy Brandt forderte 1969 von Kurt-Georg Kiesinger einen gemeinsamen Auftritt. Doch der lehnte ab. “Es steht dem Kanzler der Bundesrepublik nicht gut an, sich auf ein Stühlchen zu setzen und zu warten, bis ihm das Wort erteilt wird”, war Kiesingers Begründung.

Auch Kohl hat keine Zweikämpfe zugelassen. Erst 2002 kommt es zum ersten echten TV-Duell: Edmund Stoiber gegen Gerhard Schröder, damals sogar mit Hin- und Rückrunde. Und erstmals strengen Zeitvorgaben: 90 Sekunden für eine Antwort. Mehr nicht.

Keine Angst vor Schulz

Für Merkel ist das aktuelle Duell schon das vierte. Bei ihrem ersten Auftritt 2005 gegen Gerhard Schröder war die damalige CDU-Herausforderin noch deutlich angriffslustiger als heute: “Herr Schröder, sie sind meilenweit davon entfernt, was sie mal versprochen haben!”, warf Merkel dem Kanzler an den Kopf.

Doch Gerhard Schröder wirkte souveräner – fast hätte er Merkel damals noch abgefangen. “Sie hatte berechtigte Angst vor Schröder”, sagt Kommunikationsforscher Hachmeister. “Das war bisher das einzige Mal, dass ein TV-Duell einen nachhaltigen Effekt hatte: die Aufholjagd von Schröder”. Der SPD-Kanzler habe Merkel “an die Wand gedrückt – aber das traue ich Schulz nicht zu”, sagt Hachmeister.

Schulz will kein Raufbold sein

Denn inzwischen hat Merkel Gelassenheit quasi perfektioniert. Schon 2009 gegen Frank-Walter Steinmeier, oder 2013 gegen Peer Steinbrück. Der verhakte sich mit Moderator Stefan Raab bei der Frage, ob er auch als Nummer Zwei in eine Regierung ginge: Steinbrück wich aus, Raab warf ihm vor, nur gestalten zu wollen, wenn er “King of Kotelett”, also Regierungschef, würde. Der Ausschnitt ist ein Hit im Netz.

Solche Highlights erwartet Hachmeister diesmal nicht unbedingt. Für Merkel ist das nicht so wichtig, sagt der Medienwissenschaftler: “Sie macht eher ein mokantes Gesicht und lässt damit testosteron-gesteuerte Männer auflaufen, das ist ihr Vorteil.” Schulz will Merkel im TV-Duell überlegt und nicht wie ein Raufbold angreifen.

Keine Überraschungseffekte

Ob Fernseh-Duelle aber wirklich Wahlentscheidungen beeinflussen können, ist umstritten. “Schulz wird nach dem Duell wahrscheinlich zulegen, wie alle Herausforderer”, sagt Hachmeister. “Meist geht es da um zwei bis drei Prozentpunkte”. Bei Steinbrück sei das so gewesen, genau wie bei Steinmeier. Aber in den Wochen danach bis zur Wahl habe sich alles wieder auf dem früheren Niveau eingependelt. Die SPD-Kandidaten haben in beiden Wahlen krachend gegen die Kanzlerin verloren.

Und welche Taktik bewährt sich, wenn es schon nicht der offene Streit sein soll? “Schulz wird alles tun, um Merkel zu einem Fehler zu bewegen. Zu versuchen, sie wenigstens bei einem Thema in die Ecke zu drängen, damit sie schwerfällig wirkt”, meint Medienforscher Hachmeister. “Das ist aber problematisch, weil seine Partei, die SPD, in der Großen Koalition fast alles mit verantwortet hat. Da sehe ich kein Potential für große Überraschungseffekte.”

Zuletzt aktualisiert: 23.09.2017, 12:49:57