Meister des diplomatischen Minenfelds

Gepostet am 08.05.2017 um 09:27 Uhr

Steinmeiers Besuch in Israel – nach dem Eklat um das geplatzte Treffen des israelischen Premiers mit Außenminister Gabriel eine heikle Angelegenheit. Doch die meistert der Bundespräsident souverän – und spart nicht an Kritik. Von Martin Mair.

Steinmeiers Besuch in Israel – nach dem Eklat um das geplatzte Treffen des israelischen Premiers mit Außenminister Gabriel eine heikle Angelegenheit. Doch die meistert der Bundespräsident souverän – und spart nicht an Kritik.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. Jerusalem

Der Hörsaal an der hebräischen Universität von Jerusalem ist proppenvoll. Im Publikum sitzt Julia aus Deutschland, die hier ihren Master macht. Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier redet über das deutsch-israelische Verhältnis, die Grundwerte von Demokratie. Die Studentin zögert ein bisschen, ehe sie dem Bundespräsidenten doch eine Frage stellt: “Können Sie ein paar Worte dazu sagen, wie man damit umgeht, dass die Wehrmacht wieder ein Thema in der Bundeswehr ist?”

Eine Frage, mit der Julia den Bundespräsidenten in unsicheres Fahrwasser bringt. Schließlich gehört es nicht zu seiner Job-Beschreibung, sich in die Tagespolitik einzumischen. Doch der Polit-Profi zögert nicht lange: “Irritationen und ein gewisses Maß an Fassungslosigkeit sind auch in Deutschland verbreitet.”

Eklat um Gabriel-Treffen: Ein Fehler

Es ist eine diplomatische Antwort, die der Bundespräsident gibt. Steinmeiers Geschick auf diesem Feld ist seit Beginn seiner Reise gefragt. Zumindest in Deutschland geht es vor allem um die Frage: Wie verhält sich Steinmeier nach dem Eklat um die Reise von Sigmar Gabriel? Im Hörsaal macht er klar: Die Ausladung des Außenministers durch Israels Premier Benjamin Netanyahu hält er für einen Fehler. Seine Überzeugung sei: “Das Gespräch zu suchen ist besser, als das Gespräch zu verweigern.”

Überraschung beim Fototermin

Dem deutschen Staatsoberhaupt verweigert sich Netanyahu nicht. Geplant war für die Öffentlichkeit nur ein kurzer Fototermin – doch die sorgsam choreografierte Begrüßungsszene nimmt eine überraschende Wendung: Netanyahu begrüßt Steinmeier entgegen aller Absprachen doch für die Kameras. Und obwohl der Bundespräsident auf ein Treffen mit Kritikern der israelischen Armee verzichtet hat, bringt Netanyahu das Thema zur Sprache, spricht von mutigen Soldaten und Kommandeuren, die den höchsten moralischen Ansprüchen genügten.

Falls Steinmeier sich überrumpelt fühlt, merkt man ihm das nicht an. Einmal mehr spricht er vom besonderen deutsch-israelischen Verhältnis und einer tiefen Freundschaft. “Stürme der Vergangenheit überstehen”, so formuliert es Steinmeier. Ein Satz, aus dem die langjährige Erfahrung als Chefdiplomat spricht.

Ohrfeige für Netanyahu

Auch Steinmeiers Rede an der Universität ist geprägt von diesen Tönen. Es kostet einige Mühe, dem langen Vortrag zu folgen. Einige Studenten dösen weg und verpassen eine Ohrfeige für Netanyahu, die ganz beiläufig fällt: Wer Kritik übt, aber zugleich die Stimmen der anderen respektiert – der sei kein Volksverräter, sondern ein Volksbewahrer. “Deshalb verdienen auch in meinen Augen zivilgesellschaftliche Organisationen, die Teil einer gesellschaftlichen Debatte sind, unseren Respekt als Demokraten auch dann, wenn sie einer Regierung kritisch gegenüberstehen”, erklärt der Bundespräsident.

Meister des diplomatischen Minenfelds

Der Name Netanyahu fällt kein einziges Mal und doch weiß jeder im Hörsaal, wer gemeint ist. Steinmeier meistert das diplomatische Minenfeld.

Heute trifft er sich mit Vertretern der Zivilgesellschaft, die der israelischen Regierung kritisch gegenüberstehen: Schriftstellern, Professoren und Künstlern. Es ist Steinmeiers Versuch, auch sie zu Wort kommen zu lassen, ohne einen weiteren Eklat zu provozieren.

Stürmische Zeiten – Frank-Walter Steinmeier übt Kritik in Israel
M. Mair, ARD Berlin zzt. Jerusalem
00:40:00 Uhr, 08.05.2017

Über dieses Thema berichtete Inforadio am 08. Mai 2017 um 07:32 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 20.10.2017, 03:20:42