Last Man Standing

Gepostet am 27.05.2016 um 17:58 Uhr

Nein, es ist keine Liebesbeziehung: die SPD und Sigmar Gabriel. Sprunghaft, launisch, unberechenbar – über Gabriels Schwächen wurde schon viel geschrieben. Dabei hat der SPD-Chef durchaus auch Stärken. S. Müller hat Gabriel und die SPD in den vergangenen Wochen beobachtet.

Nein, es ist keine Liebesbeziehung: die SPD und Sigmar Gabriel. Sprunghaft, launisch, unberechenbar – über Gabriels Schwächen wurde schon viel geschrieben. Dabei hat der SPD-Chef durchaus auch Stärken. Sabine Müller hat Gabriel und die SPD in den vergangenen Wochen beobachtet.

Von Sabine Müller, ARD-Hauptstadtstudio

Nein, Sigmar Gabriel wirkt gerade überhaupt nicht wie einer, dem alles stinkt und der kurz davor ist, hinzuschmeißen. Gut gelaunt und selbstbewusst gibt sich der Vizekanzler und SPD-Chef in diesen Tagen. So zelebrierte er zuletzt genüsslich die Harmonie bei der Abschluss-Pressekonferenz nach der Koalitionsklausur in Meseberg. Als die Journalisten wieder einmal nur hören wollten, wo es eigentlich Konflikte gibt, scherzte der SPD-Chef: “Das ist ja Parteivorsitzenden nicht fremd.”

Dabei ist die Lage fast zu ernst für Scherze: Die Unruhe in der SPD ist angesichts des ungebremsten Sinkflugs in den Umfragen riesig und viele Sozialdemokraten fragen sich, ob es ohne Gabriel nicht besser laufen würde. Nicht nur an der Basis tun sie das, die Unzufriedenheit reicht bis hoch in Führungskreise, auch wenn die sie nur hinter vorgehaltener Hand äußern. Als kürzlich das Gerücht aufkam, der Parteichef werde zurücktreten, da verursachte das auch deshalb so eine Welle, weil es sich jeder vorstellen konnte und viele es im Stillen wohl hofften.

Rücktritt? Da ist Gabriel schmallippig

Beim Thema Rücktritt ist Gabriel immer schmallippig, ansonsten berichten Parteifreunde aus internen Sitzungen, der Chef mache gerade einen guten Eindruck, sei weniger dünnhäutig als zuletzt und scheine mit sich im Reinen. Außerdem scheint Gabriel bemüht, seiner Partei zu zeigen, was sie an ihm hat. Beim ersten Auftritt nach den Rücktrittsgerüchten gab es neben einer schonungslosen Lage-Analyse auch viele Streicheleinheiten für die wunde sozialdemokratische Seele.

Gabriels Schwächen bleiben aber natürlich: Allen voran die berühmt-berüchtigte Sprunghaftigkeit, sein Hang zum Zickzack-Kurs. Erst redet er mit “Pegida”-Anhängern, dann beschimpft er Wutbürger als “Pack”. Gestern ist er Wirtschaftsfreund, heute Beschützer des kleinen Mannes. Nicht mal der engste Führungskreis in der Partei kann sich sicher sein, was als nächstes kommt, denn von Absprachen hält Gabriel wenig.

“Wir glauben, dass die Menschen zunehmend allergisch darauf reagieren, im Wahlkampf mit allen möglichen Vorstellungen beglückt zu werden”, sagt Klaus Barthel. Der linke SPD-Bundestagsabgeordnete meckert damit etwas verklausuliert über Gabriels Solidarprojekt für notleidende Deutsche, das der Parteichef kurz vor den wichtigen Landtagswahlen Mitte März aus dem Hut zauberte.

SPD-Abgeordnete bangen um ihre Mandate

Überhaupt ist die Frustration in der Fraktion groß. Dutzende Abgeordnete bangen um ihre Mandate, wenn das nächste Wahlergebnis so wird wie die Umfragen. Natürlich sagt es keiner offen, aber manche wären durchaus zur Revolte gegen Gabriel bereit – allerdings gibt es ein großes Problem: Keiner will sich auf den Schild heben lassen. Nicht Olaf Scholz, nicht Frank-Walter Steinmeier, nicht Andrea Nahles. Halten Gabriels Konkurrenten still, weil keiner Lust hat, sich die allseits erwartete heftige Niederlage bei der Bundestagswahl einzufangen? Oder stimmt stattdessen die Lesart, dass keiner den Sturz will, weil der Kollateralschaden für die Partei zu groß wäre?

Verworrene Lage

Berlin schwirrt in diesen Wochen vor Spekulationen: Will Gabriel die Kanzlerkandidatur gar nicht? Oder will er doch und wird sogar sein Amt als Wirtschaftsminister aufgeben, um die Union richtig hart angreifen zu können? Selbst Führungsmitglieder der Partei können nichts definitiv ausschließen, so verworren ist die Lage. Klar scheint nur eins: Gabriel und seine SPD sind bereit zum harten Schlagabtausch im Wahlkampf und zur Konfrontation innerhalb der Großen Koalition.

Jüngstes Beispiel: Das Nein der SPD-Minister im Glyphosat-Streit. Von daher hat die jüngste Meseberger Harmonie-Show vermutlich in etwa dieselbe Aussagekraft wie die demonstrative Einigkeit, mit der sich die SPD-Spitze während der Rücktrittsgerüchte um ihren Vorsitzenden scharte.

Wie steht Sigmar Gabriel da?
S. Müller, ARD Berlin
19:14:00 Uhr, 27.05.2016

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 21. Mai 2016 um 13:21 Uhr

Zuletzt aktualisiert: 18.08.2017, 05:00:16