Rückzug oder Kalkül?

Gepostet am 19.04.2017 um 19:03 Uhr

Mit dem Verzicht auf die Spitzenkandidatur hat AfD-Bundessprecherin Frauke Petry am Mittwoch überrascht. Was sie damit bezwecken könnte, analysiert Ulla Fiebig.

Gut zwölf Minuten dauert die Videobotschaft von Frauke Petry auf Facebook. Eine etwas müde wirkende Rede, von einem Prompter abgelesen. Es dauert fast neun Minuten, bis die für heute entscheidende Aussage kommt: Sie wolle weder Spitzenkandidatin noch Teil eines Spitzenteams werden. Eine echte Überraschung. Eigentlich hat Frauke Petry bisher  doch immer den Eindruck vermittelt, Konflikte auszuhalten.

Im Bundesvorstand tut sie das jedenfalls schon monatelang, muss sich immer wieder gegen eine Allianz aus Co-Chef Jörg Meuthen, Alexander Gauland oder André Poggenburg behaupten – allesamt Verbündete des Thüringer Landeschefs Björn Höcke. Bislang schien Petry das gut abzukönnen.

Der Verzicht – eine Niederlage?

Nun der selbst gewählte Verzicht. Ein Schritt, der auf den ersten Blick wie eine Niederlage für Petry wirkt. Freie Bahn also für den national-konservativen Flügel um Björn Höcke und seine Unterstützer?Deren Einfluss ist tatsächlich ernst zu nehmen – nicht nur nach innen, auch in der Außendarstellung der AfD. Petry missfällt das. Sie war es, die im Bundesvorstand das Parteiausschlussverfahren gegen Höcke beantragt hatte. Nicht alle folgten ihr dabei. Alexander Gauland etwa. Er spielte die Aussagen Höckes zum Holocaustmahnmal und zur Erinnerungskultur herunter und warnte vor einer Spaltung der Partei.

Und auch jetzt wieder wird Petry vorgeworfen, einen Keil in die Partei treiben und so ihre eigene Position stärken zu wollen. Auslöser ist diesmal ihr Antrag „Zukunft gestalten“ für den Parteitag in Köln. Darin behauptet sie, es gebe zwei Lager: das von Gauland, welches Fundamentalopposition wolle und das von ihr vertretene, das einen realpolitischen Weg gehe und perspektivisch auch eine Regierungsbeteiligung anstrebe. Beide nebeneinander könnten nicht existieren. An dieser strategischen Frage macht Petry jetzt alles fest. Sie will beim Parteitag unbedingt eine Klärung herbeiführen. Was – bis zu Ende gedacht – bedeutet: Die oder ich. In ihrer Videobotschaft geht sie zwar auf die Kritik an ihrem Antrag ein, bietet sogar an, Passagen umzuformulieren, bleibt aber bei ihrer klaren Ablehnung der Fundamentalopposition.

Vermutlich glaubt Petry, dass sie die Mehrheit der AfD-Mitglieder immer noch auf ihrer Seite hat. Gerade an der Basis ist Petry beliebt. Das weiß sie. Ohne Risiko ist die Sache für sie dennoch nicht: Zum Parteitag schicken die Landesverbände nämlich Delegierte. Wie die entscheiden werden, ist kaum vorhersehbar. Und was hinter den Kulissen noch verhandelt wird, auch nicht.

Was heute wie ein Rückzug Frauke Petrys aussieht, sollte ihre internen Kritiker trotzdem nicht zu früh freuen. Es könnte auch Berechnung sein. Sie nimmt sich als Person einfach mal aus dem Spiel und belässt es bei der strategischen Frage der Ausrichtung der Partei. Vielleicht in der Hoffnung, dass viele in der AfD nun den Verlust ihres bisherigen Zugpferdes fürchten und Petry deshalb beim Parteitag in Köln mit ihrem Antrag unterstützen werden.

Zuletzt aktualisiert: 19.10.2017, 00:16:37