Nebenkläger halten Plädoyers

Gepostet am 14.09.2017 um 05:39 Uhr

Beim NSU-Prozess in München sollen heute die Nebenkläger mit ihren Plädoyers beginnen und auch Angehörige der Opfer zu Wort kommen. Am Abend war gegen den mutmaßlichen NSU-Unterstützer André E. Haftbefehl erlassen worden. Von Matthias Reiche.

Beim NSU-Prozess in München sollen heute die Nebenkläger mit ihren Plädoyers beginnen und auch Angehörige der Opfer zu Wort kommen. Am Abend war gegen den mutmaßlichen NSU-Unterstützer André E. Haftbefehl erlassen worden.

Von Matthias Reiche, ARD-Hauptstadtstudio, zzt. München

Der Antrag auf Untersuchungshaft für André E. hat offensichtlich noch einmal zu einem heftigen Schlagabtausch zwischen seiner Verteidigung und der Bundesanwaltschaft geführt. Ingesamt vier Stunden dauerte die nicht-öffentliche Beratung des Gerichts.

Das vom Sprecher Florian Gliwitzky verkündete Ergebnis war dann allerdings keine Überraschung: “Der Senat hat antragsgemäß gegen den Angeklagten André E. Haftbefehl erlassen.” Ihm werde unter anderem Beihilfe zu einem versuchten Mord vorgeworfen. Das Gesetz sehe vor, dass in solchen Fällen Untersuchungshaft angeordnet werden kann.

Haftbefehl wegen Fluchtgefahr

Am Dienstag hatte Bundesanwalt Herbert Diemer zusammen mit der überraschend hohen Haftstrafe auch die sofortige Untersuchungshaft für den sichtlich geschockten André E. beantragt. 

Die Anklage hält für den 38-jährigen Neonazi eine Gesamtstrafe von zwölf Jahren für angemessen: “Den Antrag auf Haftbefehl haben wir deswegen gestellt, weil wir der Meinung waren, dass bei einer dermaßen hohen Strafe auch ein entsprechend hoher Fluchtanreiz besteht”, so Diemer.

Nebenkläger und Angehörige kommen zu Wort

Heute sollen im NSU-Verfahren die ersten beiden Nebenkläger ihre Plädoyers halten. Davon geht Gerichtssprecher Gliwitzky aus.

Insgesamt sind 50 Schlussvorträge der Nebenklage vorgesehen, und es wird erwartet, dass nicht nur Anwälte, sondern auch Angehörige der NSU-Opfer sprechen wollen. 

Sehr wahrscheinlich wird es dabei viel Kritik an der Bundesanwaltschaft geben. Nicht wenige denken wie die nach München gereiste Yvonne Boulgarides. Ihr Mann Theodoros war das siebte Opfer der Mordserie.

“Dass hier nicht alle auf der Anklagebank sitzen, weiß mittlerweile jeder, der sich für diesen Prozess interessiert. Aber daran können wir nichts ändern. Dass die Nebenklage sich so dafür eingesetzt hat, dass so viele wie möglich auf die Anklagebank kommen, davor ziehe ich meinen Hut”, sagt Boulgarides.

NSU Prozess: Schlussvorträge der Nebenkläger
M. Reiche, ARD Berlin
23:22:00 Uhr, 13.09.2017

Befangenheitsangrag möglich

Viele auf Seiten der Nebenklage sind trotz der für die Hauptangeklagte Beate Zschäpe geforderten Höchststrafe mit dem gesamten Verfahren unzufrieden.

Auch Nebenklageanwältin Doris Dierbach ist der Meinung, dass das  Ausmaß des so genannten NSU und die Verstrickung staatlicher Behörden heruntergespielt worden sei.

“So zu tun, als gäbe es überhaupt keine Anhaltspunkte für Fehlverhalten von Seiten staatlicher Behörden, ist einfach absurd. Da erinnere ich nur an das massenhafte Vernichten von irgendwelchen Akten”, sagt Dierbach.

Möglicherweise müssen sich die Nebenkläger mit ihren Plädoyers aber noch gedulden. Der späte Verhandlungsbeginn um 13 Uhr könnte darauf hindeuten, dass unter anderem die Verteidigung von André E. einen Befangenheitsantrag vorbereitet. Das könnte dann eine neue Verzögerung in dem seit mehr als vier Jahren dauernden Verfahren bedeuten.

Über dieses Thema berichtete Deutschlandfunk am 13. September 2017 um 22:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 26.09.2017, 18:16:57