Ärztepräsident fordert Medikamentenreserve

Gepostet am 27.04.2017 um 17:02 Uhr

Seit Monaten gibt es Nachschubprobleme bei bestimmten Narkosepräparaten. Ärztepräsident Montgomery fordert deshalb, dass in Deutschland für wichtige Medikamente eine Reserve angelegt wird. Wie das funktionieren soll, bleibt aber unklar. Von Martin Mair.

Seit Monaten gibt es Nachschubprobleme bei bestimmten Narkosepräparaten. Ärztepräsident Montgomery fordert deshalb, dass in Deutschland für wichtige Medikamente eine Reserve angelegt wird. Wie das funktionieren soll, bleibt aber unklar.

Von Martin Mair, ARD-Hauptstadtstudio

Es ist ein kleines Fläschchen mit violettem Deckel und einer farblosen Flüssigkeit – wenig spektakulär sieht das Medikament aus, das Narkose-Ärzte glücklich macht. Mit Remifentanil lassen sich Patienten nämlich schnell in einen tiefen Schlaf versetzen, wachen aber auch ebenso schnell wieder auf.

Doch es gibt Lieferprobleme des Narkosemittels, sagt Ärztepräsident Frank Ulrich Montgomery: “Natürliche gibt es alternative Medikamente, aber wir sind heute eigentlich verpflichtet, unseren Patienten das bestmögliche zur Verfügung zu stellen – und das fehlende Medikament gehört, insbesondere bei Kindern, zu den besten, die wir kennen.”

Spekulationen über Ursache der Lieferschwierigkeiten

Doch der größte Hersteller GlaxoSmithKline hat Lieferproblem – warum, ist nicht ganz klar. Die Fachgesellschaft der Anästhesisten munkelt, dass der Pharmakonzern lieber dort verkauft, wo er für das Narkosemittel mehr Geld bekommt. GlaxoSmithKline selbst sagt, die Nachfrage sei unerwartet hoch und die Produktionskapazitäten ausgeschöpft.

Fest steht: Es passiert häufiger, dass bestimmte Medikamente nicht sofort lieferbar sind und knapp werden, so Montgomery: “Wir haben bei einigen Mitteln, die in der Krebstherapie verwendet werden, erlebt, dass sie fehlten ,weil sie selten waren, nur noch an einer Stelle in der Welt produzierten wurden. Wenn die dann ausfiel, konnten man besondere Formen von Krebs nicht mehr behandeln.”

Deshalb schlägt der Ärztepräsident vor, Medikamente auf Reserve zu bunkern. Dazu soll die Weltgesundheitsorganisation eine Liste von Wirkstoffen erstellen, die immer und jederzeit verfügbar sein sollen.

Praktische Umsetzung schwierig

Doch viele Details in seinem Vorschlag sind noch offen: Wer kauft die Pillen, wo werden sie gelagert? Das alles müsse geklärt werden, fordert Montgomery vom Gesundheitsministerium. Die Linken-Politikerin Kathrin Vogler denkt da schon einen Schritt weiter: “Für solche Medikamente bräuchten man eigentlich eine Vorratshaltungspflicht bei den Unternehmen, damit man zumindest einen Zeitpuffer hat, wenn es zu Lieferengpässen und Produktionsausfällen kommt, damit die Patienten nicht darunter leiden müssen.”

Im Klartext: eine Pflicht für Hersteller, dringend nötige Medikamente auf Vorrat zu produzieren – mit dem Risiko, sie am Ende vernichten zu müssen, wenn die Haltbarkeit abläuft.

Gesundheitsministerium machte schlecht Erfahrungen

Das Gesundheitsministerium hält das für wenig praktikabel – vielleicht auch, weil dem Haus noch der Fall Tamiflu im Gedächtnis ist: Zwischen 2002 und 2009 kaufte der Staat für mehr als 300 Millionen Euro das Mittel gegen Grippe. Doch vor drei Jahren belegte eine große Studie: Tamiflu nutzt nichts.

Doch das sei kein Argument gegen eine Medikamentenreserve, so Ärztepräsident Montgomery – im Gegenteil: “Es is eigentlich ein gutes Beispiel dafür, dass eine wissenschaftliche Instanz feststellen muss: Welche Medikamente braucht man wirklich? Immer mit dem Risiko auch des Irrtums – das muss man klar da zusagen.” Hier müsse man dann feststellen., ob Lieferengpässe drohen und gegebenenfalls eine Reserve anlegen.

Bisher keine gravierenden Folgen

Im Fall des knapp werdenden Narkosemittels Remifentanil übrigens sind die Folgen nach Ansicht von Experten gering. Mediziner müssten weder Operationen absagen noch Patienten sich sorgen. Andere Narkosemittel können eingesetzt werden, allerdings machen sie Ärzten mehr Arbeit, denn die Nachbeobachtung beim Aufwachen wird verlängert.

Der Chef der deutschen Gesellschaft für Anästhesiologie vergleicht den Lieferengpass mit einem defekten Computer. Wenn der kaputt sei, müsse man eben die Schreibmaschine nehmen, um einen Brief zu schreiben. Geht auch, ist aber weniger bequem.

Medikamenten-Reserve: Lieferprobleme bei Narkosemittel
M. Mair, ARD Berlin
16:03:00 Uhr, 27.04.2017

Zuletzt aktualisiert: 24.07.2017, 16:47:09