Endstation Kiel?

Gepostet am 06.05.2017 um 12:41 Uhr

Erst im März gab Martin Schulz die Landtagswahl in Schleswig-Holstein euphorisiert als Etappenziel auf seinem Weg ins Kanzleramt aus. Nun liegt die CDU im Norden in Umfragen vor der SPD. Auf seiner Wahlkampftour im Norden gibt Schulz sich gelassen. Von Jörg Seisselberg.

Erst im März gab Martin Schulz die Landtagswahl in Schleswig-Holstein euphorisiert als Etappenziel auf seinem Weg ins Kanzleramt aus. Nun liegt die CDU im Norden in Umfragen vor der SPD. Auf seiner Wahlkampftour im Norden gibt Schulz sich gelassen.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Die Basis der SPD glaubt nach wie vor an ihn. Im Regionalzug von Kiel nach Lübeck ist Martin Schulz unterwegs, begleitet von Mitarbeitern, Anhängern und Journalisten. Auf welchem Bahnhof der Schulz-Zug auch stoppt, immer steht eine Schar von SPD-Anhängern auf dem Bahnsteig. Fahnen werden geschwenkt, manchmal auch rote Schals, und Martin Schulz zu Selfies ans Zugfenster gewinkt. An der Endstation Lübeck warten mehrere Dutzend, vor allem junge Schulz-Fans. Der SPD-Chef lächelt zufrieden: “Hör ma‘, wenn ich unsere Jusos hier so sehe, dann können wir die Wahl eigentlich gar nicht verlieren.”

Unter Gabriel wurde keine Staatskanzlei verloren

Trotz des demonstrativen Optimismus – hinter den Kulissen wächst bei den Sozialdemokraten die Sorge mit Blick auf den Wahlausgang in Schleswig-Holstein. In den letzten Umfragen liegt die SPD im Norden hinter der CDU, der Verlust der Macht an der Förde ist nach Wochen der Euphorie plötzlich ein konkretes Schreckgespenst. Für Schulz wäre es ein Desaster.

Die SPD hat unter dem viel kritisierten Sigmar Gabriel fast acht Jahre lang bei Landtagswahlen keine Staatskanzlei verloren. Bitter, wenn in der Verantwortung des bisher als Hoffnungsträger gefeierten neuen Parteichefs bereits nach gut drei Monaten die erste SPD-Regierungsführung in den Ländern verloren ginge. Den Genossen auch in Schleswig-Holstein macht zu schaffen, dass der SPD-Aufwärtstrend im Bund gestoppt ist.

Schulz aber betont während der Zugfahrt im Gespräch mit Journalisten: “Als ich gewählt wurde, lag die SPD bei maximal 21 Prozent in den Umfragen. Jetzt sind wir 100 Tage später und wir liegen bei 29,3 Prozent. Wenn in den nächsten 100 Tagen die Entwicklung so weitergeht, bin ich, ehrlich gesagt, sehr zufrieden.”

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Landtagswahlen sind Landtagswahlen?

Allerdings war im weiteren Fahrplan ein sozialdemokratischer Erfolg in Kiel fest eingeplant. Auf dem 100-Prozent-Jubelparteitag im März in Berlin hatte Schulz noch euphorisiert die Landtagswahl in Schleswig-Holstein und die Abstimmung sieben Tage später in Nordrhein-Westfalen als Etappenziele auf seinem Weg ins Kanzleramt ausgegeben. “Torsten Albig, Ministerpräsident in Schleswig-Holstein – wiedergewählt. Hannelore Kraft, Ministerpräsidentin in Nordrhein-Westfalen – wiedergewählt. Und ich versuche mit eurer Hilfe Bundeskanzler der Bundesrepublik Deutschland zu werden.”

In den vergangenen Tagen dagegen ist in der SPD immer häufiger zu hören, Landtagswahlen seien Landtagswahlen und hätten wenig Bedeutung für die Bundestagswahl. Die schlechter werdenden Zahlen in Schleswig-Holstein, aber auch in Nordrhein-Westfalen, haben die Sozialdemokraten vorsichtig werden lassen.

Schulz bleibt offensiv

Für den neuen SPD-Chef wäre ein Machtverlust in Kiel nach dem schlechten Resultat im Saarland die zweite Niederlage im zweiten Landtagswahlkampf, der bisherige Hoffnungsträger stark entzaubert. Aber unabhängig davon, wie es am Sonntag um 18 Uhr aussieht – Schulz selbst plant weiter Offensive. Am Montag will er in einer Rede vor Unternehmern in Berlin erläutern, wie unter ihm als Kanzler eine moderne, zukunftsorientierte Wirtschaftspolitik aussehen soll. Die erhoffte Botschaft: Egal wie es in Kiel ausgeht, der Schulz-Zug bleibt auf dem Gleis.

Endet der Schulz-Zug in Kiel?
J. Seisselberg, ARD Berlin
18:06:00 Uhr, 05.05.2017

Zuletzt aktualisiert: 20.08.2017, 13:45:02