Keine Angst vor Altersarmut

Gepostet am 26.06.2017 um 17:30 Uhr

Einer neuen Studie zufolge wird im Jahr 2036 jeder fünfte Neu-Rentner von Altersarmut bedroht sein. Warum das für die meisten erstmal kein Grund zur Sorge ist, erklärt Korrespondent Jörg Pfuhl.

Das klingt schlimm: “Jeder fünfte Neu-Rentner wird 2036 von Altersarmut bedroht sein. Das Armutsrisiko steigt von heute 16 auf dann 20 Prozent. Besonders betroffen sind alleinstehende Frauen, Niedrigqualifizierte, Langzeitarbeitslose”. Das ist die Nachricht der Bertelsmann-Studie. Nur scheinbar reiht sie sich ein in eine medial immer dichtere Häufung an Altersapokalypsen: immer länger die Liste, immer gewisser das baldige Verderben. Vor kurzem machte eine Studie die Runde, wonach alsbald jeder zweite Rentner unter Hartz IV sinken werde – das Ende der Welt schien nahe.

Stiftung gibt Entwarnung

Von diesem Kulturpessimismus hebt die heutige Bertelsmann-Studie sich wohltuend ab. Sie sagt eben nicht, dass uns bald allen Altersarmut droht. Im Gegenteil. Ihre Aussage ist: Die meisten Menschen werden recht gut über die Runden kommen, auch im Alter und auch in Zukunft. Einigen wenigen Gruppen droht aber bis 2036 ein steigendes Risiko: Vor allem Langzeitarbeitslosen, Menschen ohne Ausbildung – etwa Migranten – sowie alleinstehenden Frauen.

Nun ist das schon heute im Prinzip nicht anders: Wer in seinem Leben nichts oder wenig verdient und also eingezahlt hat, der bekommt eben keine oder nur eine Minimalrente. Der Anteil dieser Menschen, mit einer Rente von netto unter 1.000 Euro, steigt laut Bertelsmann von 16 auf 20 Prozent, also um gerade einmal vier Prozentpunkte in 20 Jahren. Vier Punkte im Laufe fast einer ganzen Generation!

80 Prozent der Rentner müssen keine Angst haben

Die Bertelsmann-Stiftung kommt zu dieser vergleichsweise wenig alarmistischen Einschätzung, weil sie – anders als viele andere Armutsstudien – genauer hinschaut. Sie nimmt nicht nur die gesetzliche Rente in den Blick, sondern auch die mannigfach anderen Sicherheiten, die Menschen sich im Lauf ihres Lebens häufig schaffen: Das Einkommen des Partners, vielleicht die eigenen vier Wände, womöglich eine Betriebsrente, ein Sparbuch oder Aktienfonds. Und weil die meisten Menschen das eine oder andere davon haben, werden auch im Jahr 2036 rund 80 Prozent aller Rentner keine Angst haben müssen. Das gilt, obwohl wir weniger Kinder haben und immer länger leben. Das ist die positive Nachricht der Studie: Für die sogenannten Normalos funktioniert die Rente auch in der nächsten Generation noch, obwohl die Alten älter werden und weniger Junge nachkommen. Die Rentenreformen haben das System für die Mitte der Gesellschaft relativ zukunftsfest gemacht.

Arbeit reicht häufig nicht zum Leben

Worum Politik und Gesellschaft sich aber in der Tat kümmern müssen, sind jene Gruppen, die es schon immer schwer hatten. Eben Langzeitarbeitslose, Nicht-Qualifizierte oder alleinstehende Frauen. Wer heute wenig verdient, wird morgen wenig haben. Zwar sind heute so viele Menschen wie noch nie in Arbeit. Aber die Arbeit reicht immer häufiger nicht zum Leben und schon gar nicht um vorzusorgen. Diese Erkenntnis der Bertelsmann–Studie ist nicht neu – richtig ist sie allemal.

Zuletzt aktualisiert: 22.07.2017, 12:36:21