Oft mehr Schaden als Nutzen

Gepostet am 16.02.2017 um 14:45 Uhr

Die in Arztpraxen angebotenen Selbstzahlerleistungen bringen laut Medizinischem Dienst der Krankenkassen häufig mehr Schaden als Nutzen. Von 45 IGel-Angeboten wurden gerade einmal drei als „tendenziell positiv“ bewertet. Von Volker Schaffranke.

Die in den Arztpraxen angebotenen Selbstzahler-Leistungen bringen dem Medizinischen Dienst der Krankenkassen zufolge häufig mehr Schaden als Nutzen. Oft überwiegen die negativen Folgen sogar mehr als deutlich.

Von Volker Schaffranke, ARD-Hauptstadtstudio

Jeder kennt das von seinem Arztbesuch: Es werden einem immer häufiger Zusatzuntersuchungen angeboten, die aber aus eigener Tasche bezahlt werden müssen: Im Fachjargon „Individuelle Gesundheitsleistungen“ – kurz IGeL – genannt. Doch bringen die auch etwas oder füllen sie nur das Portemonnaie des Arztes?

Nur jeder Vierte ausreichend informiert

Das untersucht alljährlich der Medizinische Dienst der Krankenkassen (MDK). Ob Akupunktur in der Schwangerschaft, die Messung des Augeninnendrucks oder die Überprüfung der Lungenfunktion – der IGeL-Monitor der Kassen liefert hier einen Überblick. 45 Zusatzleistungen sind dort wissenschaftlich bewertet worden.

„Viele Patienten wissen, was IGeL sind“, sagt Peter Pick vom MDK. „Doch zufrieden sind sie damit keineswegs: Zwei Drittel derjenigen, die schon einmal von IGeL gehört haben, sehen die Leistungen kritisch. Die meisten Patienten sehen sich unzureichend informiert.“ In der Befragung der Kassen habe nur jeder Vierte angegeben, mit den Informationen zufrieden zu sein.

Nur drei IGeL-Leistungen positiv bewertet

Schaue er sich die Zusatzleistungen wissenschaftlich genauer an, finde er gerade einmal drei IGeL-Untersuchungen, die er „tendenziell positiv“ bewerten würde, sagt Pick. Der zu erwartende Nutzen sei größer als der Schaden: „Das gilt zum Beispiel für die Stoßwellenbehandlung beim Fersenschmerz. Oder für die Akupunkturbehandlung für die Migräneprophylaxe.“

Bleiben mehr als 40 Untersuchungen, die wenig oder gar nichts bringen. Vier von ihnen bewertet der MDK sogar als negativ. Soll heißen: Der zu erwartende Schaden ist deutlicher größer als der Nutzen. Das gilt unter anderem für die durchblutungsfördernde Infusionstherapie beim Hörsturz oder für den Ultraschall der Halsschlagader als Schlaganfallvorsorge.

Klare Forderungen an die Berufsverbände

Bei den meisten angebotenen IGeL-Leistungen ist aus MDK-Sicht der Nutzen wissenschaftlich nicht belegt: „Entweder liegen keine Bewertungsdaten vor oder Schaden und Nutzen gleichen sich in etwa aus.“ Dies gelte zum Beispiel für die Akupunkturbehandlung in der Schwangerschaft. Darum hat Pick für die Zukunft klare Forderungen an die Berufsverbände der Mediziner: „Dass sich auch die Ärztekammern und die Kassenärztliche Bundesvereinigung dazu klarer äußern, das ist unsere Linie. Das heißt nicht, IGeL-Leistungen auszuschließen, sondern mit ihnen seriös umzugehen.“

Die Kassenärztliche Bundesvereinigung ist da weniger kritisch. „Der Markt der individuellen Gesundheitsleistung ist ein für Patienten und auch Ärzte sinnvoller Markt, weil er Möglichkeiten eröffnet, alternative Methoden zu erforschen und mehr zu machen als bezahlt wird“, heißt es von dort. Der MDK schätzt, dass Ärzte mit den Zusatzuntersuchungen jährlich rund eine Milliarde Euro einnehmen.

IGeL-Leistungen beim Arzt auf dem Prüfstand
V. Schaffranke, ARD Berlin
14:30:00 Uhr, 16.02.2017

Zuletzt aktualisiert: 19.02.2017, 15:17:58