Geheimdienste warnten vor Anschlag

Gepostet am 30.06.2017 um 03:00 Uhr

Es war eine gewaltige Explosion, die vor knapp einem Monat 160 Menschen in Kabul tötete. Nach rbb-Informationen hatten Geheimdienste zuvor vor einem Anschlag auf die deutsche Botschaft gewarnt – es war sogar bekannt, wie er verübt werden sollte. Von Michael Götschenberg.

Es war eine gewaltige Explosion, die vor knapp einem Monat 160 Menschen in Kabul tötete. Nach rbb-Informationen hatten Geheimdienste zuvor vor einem Anschlag auf die deutsche Botschaft gewarnt – es war sogar bekannt, wie er verübt werden sollte.

Von Michael Götschenberg, ARD-Terrorismusexperte

Die deutschen Nachrichtendienste hatten konkrete Hinweise auf den Anschlag auf die deutsche Botschaft in Kabul und haben davor gewarnt. Das erfuhr das rbb-Inforadio aus Sicherheitskreisen. Tatsächlich war sogar bekannt, wie der Anschlag verübt werden sollte.

Bereits am 18. Januar, also gut fünf Monate vor dem Anschlag, hatte der militärische Abschirmdienst (MAD) von einer Quelle einen Hinweis auf den Anschlagsplan erhalten. Schon zu diesem Zeitpunkt war die Rede davon, dass ein Anschlag auf die deutsche Botschaft mit einem Tanklastwagen zur Abwasser-Entsorgung geplant sei.

In den darauf folgenden Wochen gab es insgesamt drei weitere Warnhinweise, zwei davon von ausländischen Nachrichtendiensten. Der BND warnte zuletzt sechs Tage vor dem Anschlag, am 25. Mai, erneut vor einem geplanten Anschlag auf die Botschaft.

Viele Tote und Verletzte

Am 31. Mai schließlich versuchte der Fahrer eines Lastwagens zur Abwasser-Entsorgung, auf das Botschaftsgelände zu gelangen. Der afghanische Wachdienst am Checkpoint vor dem Gelände ließ ihn jedoch nicht durch und verweigerte ihm nach Rücksprache mit dem Hausmeister der Botschaft die Weiterfahrt – in der Botschaft lag keine Bestellung vor, zudem war der Fahrer dem Wachdienst nicht bekannt.

Daraufhin zündete der Fahrer den Sprengsatz im Tank vor der Botschaft. Durch die Detonation wurden 160 Menschen getötet, darunter zwei Wachleute der Botschaft. 450 Menschen wurden verletzt – das Botschaftspersonal blieb unversehrt.

Die Bombe war nach rbb-Informationen deutlich größer als bisher bekannt: Während zunächst von 1000 Kilogramm Sprengladung die Rede war, befanden sich tatsächlich zehn Tonnen Sprengstoff in dem Tank. Obwohl der Sprengstoff außerhalb des Botschaftsgeländes detonierte, wurden die Gebäude so stark verwüstet, dass sie nicht mehr benutzbar sind.

Sicherheitsvorkehrungen erhöht

Aufgrund der Hinweise auf einen bevorstehenden Anschlag hatte die Bundespolizei empfohlen, die Sicherheitsvorkehrungen zu erhöhen. Daraufhin wurde das Gebäude auf der Zufahrtsseite der Botschaft geräumt, da es im Falle eines Anschlags als besonders gefährdet galt. Die Bundespolizei ist für die Sicherheit des Botschaftspersonals zuständig, während die diplomatische Vertretung von Außen durch afghanische Sicherheitskräfte geschützt wird.

Die Bundesregierung äußerte sich bisher nicht zu den Hintergründen des Anschlags und verweist auf laufende Ermittlungen, die vom Generalbundesanwalt geführt werden. Jenseits der offiziellen Sprachregelung hieß es in Sicherheitskreisen zunächst, man gehe davon aus, dass der Anschlag nicht gezielt der deutschen Botschaft galt. Dass es tatsächlich sehr konkrete Warnhinweise im Vorfeld gab, war bisher allerdings nicht bekannt.

Verantwortliche noch nicht gefunden

Die afghanische Regierung hatte unmittelbar nach dem Anschlag das mit den Taliban verbündete Hakkani-Netzwerk verantwortlich gemacht. Das Netzwerk habe den Anschlag gemeinsam mit dem pakistanischen Geheimdienst ISI geplant, hieß es. Sowohl ISI als auch das Hakkani-Netzwerk bestritten, den Anschlag durchgeführt zu haben. Wer tatsächlich hinter dem Anschlag steckt, ist also noch unklar.

In der Nacht vom 12. auf den 13. Juni, also knapp zwei Wochen nach dem Anschlag, wurde ein Kommandeur des Hakkani-Netzwerks, Abu Bakar, in Pakistan nahe der Grenze zu Afghanistan durch einen US-Drohnenangriff getötet. Ob der Angriff in einem Zusammenhang mit dem Anschlag auf die deutsche Botschaft steht, ist nicht bekannt.

Zuletzt aktualisiert: 17.10.2017, 02:14:14