Gegen das Vergessen: die Mafia und Deutschland

Gepostet am 12.07.2017 um 18:38 Uhr

Warum der Kampf gegen Italiens organisierte Kriminalität auch zehn Jahre nach dem Massaker von Duisburg noch dringend notwendig ist, war Thema der Anti-Mafia-Konferenz in Berlin. Thomas Kreutzmann berichtet.

„Gewissenlos“, konspirativ und menschenverachtend. So klingt es, wenn der deutsche Innenminister Thomas de Maizière über die italienische Mafia spricht. Drogenhandel, Schutzgelderpressung, dreckige Geschäfte mit Sondermüll, Waffenhandel, Menschenhandel, Prostitution, systematische, bandenmäßige Wohnungseinbrüche und Flüchtlings-Schleusung – all das bringt ihr weltweit Milliarden. „Italienische“ Mafia? Nein, in Deutschland leben schon lange Italiener und Italienisch-Stämmige in dritter Generation, so ein Berliner LKA-Experte. Italien kennen sie bestenfalls noch aus den Ferien. Deutschland zählt neben den Niederlanden, Belgien und Spanien zu den europäischen Zentren der Mafia außerhalb Italiens.

Vor fast genau zehn Jahren, am 15. August, 2007 kam es in Duisburg frühmorgens vor der Pizzeria „ Da Bruno“ zu einem regelrechten Gemetzel. Angehörige verfeindeter kalabresischer N’drangheta-Clans gingen wegen einer Kränkung aufeinander los, die sechs Jahre zuvor bei einem Karnevalsscherz in ihrem süditalienischen Herkunftsdorf stattgefunden hatte. Es fielen 54 Schüsse, sechs Menschen mussten sterben.

“Mafia? Nein Danke!”

Aus diesem Anlass hatten die Italienische Botschaft, der Verein „ Mafia? Nein, Danke!“ und die „Europäische Bewegung Deutschland e.V.“ nach Berlin zu einer Anti-Mafia-Konferenz eingeladen, bei der eben auch de Maizière und der italienische Innenminister Minniti neben verschiedenen Experten sprachen. Viele beklagten sich, dass der Begriff „Mafia“ in Deutschland inzwischen fast etwas Anekdotisches hat. Das mag daran liegen, dass hier erst ein unbeteiligtes Todesopfer gezählt wurde – während die Mafia in Italien für Todesopfer im Tausenderbereich verantwortlich gemacht wird: Ermordete Polizisten, Richter, Politiker, Geistliche, Journalisten, Geschäftsleute – Menschen aus allen Schichten. Nicht mitgezählt sind dabei zahllose ertrunkene afrikanische Flüchtlinge und Drogenopfer in ganz Europa.

Aber der Schrecken liegt aus deutscher Sicht eben weit weg. Deutschland ist eher Rückzugsraum für die Mafia. Selbst die weit verbreitete Schutzgelderpressung scheint hier niemanden wirklich aufzuregen – außer den Betroffenen natürlich. Ebenso wenig die Tatsache, dass Riesensummen in schlecht besuchten, aber angeblich große Umsätze verzeichnenden Mafia-Restaurants „gewaschen“ werden. In Gastronomie und Lebensmittelbranche sind die kriminellen Kraken jedenfalls derart präsent, dass die Konferenz in der Italienischen Botschaft ausdrücklich „mafia-freien“ Café reichte. So weit ist es schon gekommen.

Von Italien lernen

Und was tut die Politik ? Inzwischen, nach jahrelanger Passivität, einiges. Vermögen von mafiosi können inzwischen auch in Deutschland schneller vorläufig beschlagnahmt werden, wenn Richter den begründeten Verdacht haben, dass es sich um die Erträge aus Kriminalität handelt. Und auch die reine Mitgliedschaft in den Strukturen des Organisierten Verbrechens ist jetzt strafbewehrt.

Vergleicht man das allerdings mit den Gesetzen in Italien selbst, geht das noch immer nicht weit genug. So gilt in Italien die Beweislastumkehr. Mutmaßliche Kriminelle müssen klar belegen, woher ihr Geld stammt. Können sie das nicht, ist es definitiv weg. Und das trifft die Mafiosi am meisten – und hindert sie daran, immer größere Kapitalmengen anzuhäufen, um immer umfangreichere kriminelle Geschäfte zu machen.

Deshalb fordern Spezialisten von Europol und der deutschen Polizei schon lange die Gesetze zur Strafverfolgung der Mafiosi in ganz Europa zu harmonisieren. Das war die wichtigste Erkenntnis heute. Und: man solle dabei von Italien zu lernen. Das klingt sehr logisch – zumal sich das kriminelle Geschwür in vielen europäischen Ländern zumindest ähnlich festgefressen hat, wie in Italien selbst.

Zuletzt aktualisiert: 21.10.2017, 03:11:11