Präsidiale Bilanz in drei Musikstücken

Gepostet am 17.03.2017 um 12:05 Uhr

Für scheidende Bundespräsidenten ist die Musikauswahl beim Großen Zapfenstreich zum Abschied auch ein persönliches Statement. Bei Joachim Gauck bilden der Song einer Rockgruppe, ein Volks- und ein Kirchenlied eine eigenwillige “Serenade”. Von J. Seisselberg.

Für scheidende Bundespräsidenten ist die Musikauswahl beim Großen Zapfenstreich zum Abschied auch ein persönliches Statement. Bei Joachim Gauck bilden der Song einer Rockgruppe, ein Volks- und ein Kirchenlied eine eigenwillige “Serenade”.

Von Jörg Seisselberg, ARD-Hauptstadtstudio

Nur Gustav Heinemann, dem jegliches Pathos ein Greuel war, verzichtete. Statt sich mit einem Großen Zapfenstreich im Schein von Fackeln und zu schmissigen Militärklängen verabschieden zu lassen, zog der Sozialdemokrat 1974 eine entspannte Schiffsfahrt auf dem Rhein vor. Welche Musik Heinemann dabei hörte, ist nicht überliefert.

Für alle anderen scheidenden Bundespräsidenten, gerade in jüngster Zeit, ist die Musikauswahl zum Abschied auch immer ein Stück persönliches Statement – eine Art Präsidentenbilanz in maximal vier Liedern. Joachim Gauck wünscht sich für seinen Großen Zapfenstreich drei. Unter anderem den erfolgreichsten Song einer der erfolgreichsten Rockbands der DDR: “Über sieben Brücken musst Du gehen” – ein Song süßer Melancholie, vor allem aber voll kraftvollem Optimismus und der Botschaft: Wer nicht verzagt, wer sich nicht entmutigen lässt, der wird irgendwann sein Glück finden.

Gruß an die DDR-Rebellen

Für den gelernten DDR-Bürger Gauck ist der Song auch ein Gruß an die rebellische Seite des untergegangenen anderen deutschen Staates – dessen Unrecht ein Lebensthema Gaucks ist. Dazu passt das Lied, das das Musikkorps der Bundeswehr zum Auftakt der Serenade, wie die Zusammenstellung der vom Präsidenten gewählten Musikstücke heißt, spielen wird.

“Freiheit, die ich meine” – ein altes deutsches Volkslied, das fast schon programmatisch das Motto der Gauckschen Präsidentschaft transportiert, besser noch: die Leitlinie seines Lebens. Nach versteckten Botschaften, wie bei einigen seiner Vorgänger, muss bei Gaucks Musikwünschen niemand suchen. Beim Abschied Horst Köhlers sorgte noch für Wirbel, dass sich der verärgert Zurückgetretene den St. Louis Blues gewünscht hatte, in dem eine Textzeile lautet: “Ich packe meine Koffer und mache mich aus dem Staub”.

Bekenntnis zum protestantischen Glauben

Bei Gauck ist alles klar und transparent, sein drittes Lied ein Bekenntnis zu seinem protestantischen Glauben: “Ein feste Burg ist unser Gott”, geschrieben von Martin Luther, hat der scheidende Bundespräsident und ehemalige Seelsorger dafür ausgesucht. Der Song einer Rockgruppe, ein Volks- und ein Kirchenlied – in Sachen Vielfalt traut sich Gauck etwas.

Eine Abschiedsrede ist im Großen Zapfenstreich nicht vorgesehen, auch keine abschließende Begegnung mit Bürgern. Die hat es vorgestern in Gaucks Heimatregion Mecklenburg-Vorpommern gegeben, als der angehende Präsident a.D. im Bürgergespräch in Stralsund auf den heutigen Tag vorausblickte: “Am Freitag, da gibt es einen Zapfenstreich – und dann fällt der Hammer”.

Zapfenstreich: Karat, Freiheit, Luther – Gaucks musikalische Bilanz
J.Seisselberg, ARD Berlin
11:20:00 Uhr, 17.03.2017

Zuletzt aktualisiert: 17.10.2017, 11:47:20