Mit Schmackes kämpfen statt taktieren

Gepostet am 17.05.2016 um 14:41 Uhr

Die Umfragewerte der SPD sind im Keller – die Nominierung zum Kanzlerkandidaten gleicht deshalb einem Himmelfahrtskommando, meint Angela Ulrich. Kein Wunder, dass niemand den Posten will. Gabriel sollte die taktischen Spielchen schnell beenden, sonst droht ein Desaster.

Die Umfragewerte der SPD sind im Keller – die Nominierung zum Kanzlerkandidaten gleicht deshalb einem Himmelfahrtskommando. Kein Wunder, dass niemand den Posten will. Gabriel sollte die taktischen Spielchen schnell beenden, sonst droht ein Desaster.

Ein Kommentar von Angela Ulrich, ARD-Hauptstadtstudio

Der Karikaturist Heiko Sakurai hat eine wunderbare Zeichnung gemacht. Ein zupackender Sozialdemokrat rüttelt an einem Gitterzaun. Aber es ist nicht, wie damals, Gerhard Schröder, der rein will ins Kanzleramt. Es ist Sigmar Gabriel, der raus will aus dem Käfig “SPD-Kanzlerkandidatur”. Gabriel hat angstvoll aufgerissene Augen.

Das bringt das Problem der Sozialdemokraten auf den Punkt. Sie dümpeln in Umfragen bei 20 Prozent. Die Kanzlerin herausfordern, selbst wenn diese angeschlagen ist wie derzeit? Das scheint ein pures Himmelfahrtskommando. Klar, dass sich niemand darum reißt. Schon gar nicht die, die derzeit als SPD-Hoffungsträger fungieren für eine Zeit, wann immer sie auch kommen mag: die Minister Andrea Nahles, Heiko Maas oder Manuela Schwesig. Von denen ist rein gar nichts zu hören, sie halten sich schön bedeckt, wollen sich jetzt keine Schrammen holen.

Mythos Mitgliederentscheid

Bleibt Sigmar Gabriel. Der kokettiert nun mit etwas, das es nicht geben wird: einem Mitgliederentscheid für einen künftigen Kanzlerkandidaten. Nicht nur, dass sich die Anwärter dafür nun nicht gerade drängeln. Sie kämen auch nicht gut rüber, wenn sie den SPD-Chef und begnadeten Wahlkämpfer herausfordern würden. Denn bliebe Gabriel Parteivorsitzender, hätte er erstes Zugriffsrecht auf die Kandidatur.

Olaf Scholz aus Hamburg hat es gerade klar gemacht: Gegen Gabriel antreten – keinesfalls. Nur wenn Gabriel – aus welcher Laune auch immer – selbst zurückzöge, dann stünde der treue Scholz wohl bereit, ist die Botschaft. Der beliebteste Sozialdemokrat überhaupt, Frank-Walter Steinmeier, übrigens nicht. Der hat genug von seinem vergeigten Kanzlerkandidaten-Versuch 2009.

Gabriels taktische Spielchen

Sigmar Gabriel will in Wirklichkeit aber gar kein Rennen in der K-Frage eröffnen. Er geht eher taktisch vor nach dem Motto: “Ich muss es nicht tun, aber wer sonst will, der soll’s bald sagen, oder für immer schweigen.” Hätte Gabriel sonst seinen engsten Vertrauten und Sprecher aus dem Wirtschaftsministerium ins Willy-Brandt-Haus geholt, wenn er bald das Handtuch werfen wollte, statt in den Wahlkampfmodus zu schalten?

Gabriel taktiert. Vielleicht, weil er ganz tief drinnen wirklich keine Lust auf die Kanzlerkandidatur hat. Oder weil es eben die SPD ist – immer für eine Überraschung gut. Die beste Überraschung wäre jetzt, wenn sich Gabriel schnell festlegt. Denn ob es in den nächsten Monaten nochmal besser in den Umfragen wird für die SPD, ist zweifelhaft. Dann schon lieber – statt sich elendig lang zu winden – jetzt mit Schmackes kämpfen. Oder muss dazu erst wieder eine Putzfrau aus dem Ruhrpott dem SPD-Chef die Leviten lesen?

Die SPD und die Kanzlerfrage
A. Ulrich, ARD Berlin
14:05:00 Uhr, 17.05.2016

Über dieses Thema berichtete die tagesschau am 16. Mai 2016 um 20:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 21.08.2017, 19:43:38