Prominent, profiliert, polarisierend

Gepostet am 13.07.2017 um 13:18 Uhr

Sahra Wagenknecht garantiert Aufmerksamkeit. Darauf setzt die Linkspartei – und hat sie auch deshalb zur Spitzenkandidatin gekürt. Doch in der Partei hadern auch einige mit der Einzelkämpferin, weiß Julia Krittian. Heute stellt sich Wagenknecht bei “Frag selbst”.

Sahra Wagenknecht garantiert Aufmerksamkeit. Darauf setzt die Linkspartei – und hat sie auch deshalb zur Spitzenkandidatin gekürt. Doch in der Partei hadern auch einige mit der Einzelkämpferin und ihren kompromisslosen Positionen. Heute stellt sich Wagenknecht bei “Frag selbst”.

Von Julia Krittian, ARD-Hauptstadtstudio

Sie ist das Gesicht der Linkspartei – doch das Verhältnis der Parteispitze zu Sahra Wagenknecht ist vor allem eines: kompliziert. Vor einem Monat beim Wahlprogramm-Parteitag in Hannover zum Beispiel. Da hatte die Parteitagsregie Sahra Wagenknecht ganz an den Schluss gesetzt. Zu einem Zeitpunkt also, an dem solche Veranstaltungen in der Regel ausfransen, die Delegierten langsam nach Hause entschwinden, die mediale Aufmerksamkeit herunterfährt. Nach drei Tagen ist ja auch irgendwie alles gesagt, könnte man meinen.

Katrin Göring-Eckardt, Sahra Wagenknecht, Peter Altmaier, Frauke Petry, Horst Seehofer, Martin Schulz, Christian Lindner

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Auftritt Wagenknecht. Den Rücken durchgedrückt steckt sie konsequent und ziemlich kompromisslos ihre Positionen ab: Abrüstung, Vermögenssteuer, Umverteilung. Die Linke wolle die anderen vor sich hertreiben, lieber gute Opposition machen als schlechte Regierungsarbeit.

Für die SPD hat Wagenknecht ohnehin nur Spott übrig. Rot-Rot-Grün sei tot, heißt es aus ihrem Umfeld. Wagenknecht formuliert das geschickter: Nur bei einem “echten Politikwechsel” sei sie bereit zu koalieren – wohl wissend, dass SPD und Grünen in ihrer Person ein Haupthindernis sehen, sollte eine solche Koalition im September rechnerisch überhaupt möglich sein.

Der große Auftritt liegt ihr

Der Saal tobt: Die Beste kommt zum Schluss, meinen viele in Hannover. Wagenknecht, die im persönlichen Umgang scheu – fast spröde – wirken kann, beherrscht den großen Auftritt. Sie garantiert Aufmerksamkeit – nach innen wie nach außen. Für die Partei ist das ein ständiges Dilemma: Wagenknecht ist das profilierteste Gesicht, polarisiert aber auch am meisten.

Seit den frühen 1990er-Jahren gehört Sahra Wagenknecht zur Führungsriege zunächst der PDS und dann der Linkspartei. Wagenknecht, die 1969 in Jena geboren wurde, ist seit 2009 Abgeordnete des Bundestags. Sie gehört dem linken Flügel ihrer Partei an und war bis 2010 Mitglied der vom Bundesamt für Verfassungsschutz als linksextremistisch eingestuften “Kommunistischen Plattform”.

Ihre Rede in Hannover sorgt für volle Ränge bis zuletzt, für viel Presse zum Schluss und düpiert zugleich die Parteiführung in der ersten Reihe. Die beiden linken Vorsitzenden wollten den Parteitag nutzen, um die Tür weiter zu öffnen für Rot-Rot-Grün. Wagenknecht hält dagegen. Was Kipping und Riexinger sagen, schert die Oppositionsführerin im Bundestag ohnehin nicht sonderlich, zu den Reden der beiden kam sie fast demonstrativ zu spät.

Sie ist brillant, schwärmen ihre Bewunderer – beratungsresistent, schimpfen Kritiker aus der eigenen Fraktion. Offensichtlich wird das in der Flüchtlingsfrage: “Wer Gastrecht missbraucht, der hat Gastrecht eben auch verwirkt”, sagt Wagenknecht nach der Kölner Silvesternacht. Wenig später warnt sie vor Kontrollverlust an den Grenzen und gibt Merkel eine Mitschuld am Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt. “AfD-light” heißt es danach auch aus den eigenen Reihen. Die Parteispitze verbittet sich weitere Alleingänge – sie weiß aber auch: ohne Wagenknecht geht es nicht.

Lesebegeisterte Einzelkämpferin

Das ist von klein auf eine ihrer Stärken: sich allein durchzubeißen. 1969 kommt sie im Saaletal in Jena zur Welt, die Mutter studiert in Ost-, der Vater in West-Berlin. Er ist Iraner, verschwindet aus ihrem Leben, als sie drei ist. Von anderen Kindern wird sie gehänselt, weil sie anders aussieht.

Wagenknecht flüchtet in die Welt der Bücher. “Mit vier habe ich angefangen zu lesen, Bibliotheken waren für mich wie Süßwarenläden”, erzählt sie der “Zeit” einmal. “Ich bin immer mit einem Riesenstapel Bücher rausgegangen, habe die Geschichten in Gedanken weitergesponnen und mich deswegen nie einsam gefühlt.”

Nach dem Abitur darf sie nicht studieren, liest allein zu Hause weiter – 12 bis 15 Stunden am Tag. Streng nach Zeitplan: Fünf Stunden Hegel, zwei Stunden Marx, Kant und dann noch was Belletristisches.

Unsicherheit nach Tortenbewurf

Ein anderer Parteitag, Mai 2016 in Magdeburg: Inhalte sind weniger hängen geblieben als vielmehr ein Bild. Ein junger Mann bewirft Sahra Wagenknecht mit einer Schokoladentorte – wegen ihrer Asyl-Äußerungen. Sie wäscht das Gesicht, wechselt das Kostüm und kehrt zurück auf ihren Platz. Die Botschaft: Alles unter Kontrolle.

Doch als der Parteitag vorbei ist, sagt sie alle Termine für eine Woche ab. Eine gewisse Unsicherheit, erklärt sie in Interviews, sei danach nie wieder gewichen.

Trotzdem wird sie weiter auf jede Bühne steigen, die sich ihr bietet. Wenn sie etwas zusage, könne man sich auf ihr Wort verlassen, loben selbst parteiinterne Kritiker. Und die Partei braucht sie: Der Kampf um die Aufmerksamkeit der Wähler vor der Bundestagswahl hat eben erst begonnen.

Katrin Göring-Eckardt (Grüne): 2. Juli, 19:00 UhrSahra Wagenknecht (Die Linke): 13. Juli, 19:00Peter Altmaier (CDU): 16. Juli, 19:00Frauke Petry (AfD): 13. AugustHorst Seehofer (CSU): 20. AugustMartin Schulz (SPD); 27. August 2017 Christian Lindner (FDP): Termin noch offen

Zuletzt aktualisiert: 21.10.2017, 03:15:04