“Es ist eine Schande, was da passiert ist”

Gepostet am 18.07.2017 um 14:56 Uhr

Die türkischen Behörden haben den Berliner Menschenrechtsaktivisten Peter Steudtner verhaftet. Der Vorwurf: Terrorverdacht. Das sei eine Schande, sagen seine Lebenspartnerin und sein Kollege in unserem Interview.

Der 45-jährige Berliner war zusammen mit seinem schwedischen Kollegen Ali Gharavi und acht weiteren türkischen Menschenrechtlern bei einem Workshop in Istanbul festgenommen worden. Darunter war auch die Landesdirektorin von Amnesty International, Idil Eser. Am Dienstag verhängte ein Richter Untersuchungshaft gegen sechs der zehn Beschuldigten, denen Unterstützung einer Terrororganisation vorgeworfen wird. Die zehn Menschenrechtler waren am vorvergangenen Mittwoch bei einem Workshop zum Thema “Digitale Sicherheit und Informationsmanagement” in Istanbul festgenommen worden. Der Berliner und sein Kollege waren Referenten bei dem Workshop.

In unserem Interview weisen Steudtners Lebensgefährtin Magdalena Freudenschuss und sein Kollege Daniel Ó Cluanaigh die Terrorvorwürfe gegen den Aktivisten scharf zurück.

Ihr Mann und Kollege Peter Steudtner sitzt seit fast zwei Wochen in der Türkei in Haft. Wie geht es ihm denn, konnten Sie mit ihm sprechen?

Magdalena Freudenschuss: Nicht direkt, nur über seine Anwälte, die mir etwas ausgerichtet haben.

Wie geht es Ihnen mit der Situation?

Freudenschuss:  Es gibt viel Sorge und Ungewissheit in mir. Es ist ja alles offen, was das jetzt für uns heißt und wie lange das dauern wird.  Allerdings gibt es auch ein Gefühl von Stärke, also wir halten das schon durch und wir schaffen das auch! Dabei hilft mir auch Peters Arbeit: Da geht es ja um Mechanismen, wie man mit Stress und Krisensituationen umgeht. Das hilft mir und Peter in diesem Moment. Das war ja auch Inhalt seines Trainings in der Türkei.


Sie glauben also, durch seine Arbeit als Coach ist er gut vorbereitet für diese Ausnahmesituation?

Freudenschuss: Ja, genau, das sind die Dinge, die er auch anbietet: Stress-Training ist für Menschenrechtsverteidiger und -verteidigerinnen von zentraler Bedeutung. Sie arbeiten mit Geschichten von anderen Menschen, die oft sehr belastend, sehr traurig sind.  Menschen, die unter Zeitdruck und Arbeitsdruck arbeiten, brauchen solche Strategien, wie sie auf sich selbst Acht geben, wie sie auch in belastenden Situationen weitermachen und durchhalten können.

Er ist ja Menschenrechtsaktivist und war Referent bei einem Workshop in der Türkei als er festgenommen wurde. Wie kam es denn dazu?

Daniel Ó Cluanaigh: Wir wissen nur, dass am 5. Juli eine Razzia bei dem Workshop auf der Insel Büyükada stattgefunden hat und alle Seminar-Teilnehmer mitgenommen wurden. Erst nach vier Stunden wurde offiziell gemeldet, dass sie verhaftet worden waren. Danach wurden sie 24 Stunden ohne Zugang zu einem Anwalt festgehalten.

Peter Steudtner und seine Mitinhaftierten – darunter auch die Idil Eser, Direktorin von Amnesty International Türkei – werden verdächtigt, eine bewaffnete Terrorgruppe unterstützt zu haben. Was sagen Sie denn zu den Vorwürfen?

Freudenschuss: Das ist absurd! Diese Vorwürfe sind so ziemlich genau das Gegenteil dessen, wofür Peter und auch die anderen türkischen Menschenrechtsverteidiger – und verteidigerinnen  mit ihrer Arbeit und ihrem Leben als Personen stehen. Sie stehen für Gewaltfreiheit, sie stehen für Menschenrechte, sie stehen für den Einsatz für eine friedliche Gesellschaft. Gerade diesen Menschen solche Vorwürfe zu machen, ist total irre.


Hätte man denn damit rechnen müssen? Gab es davor Warnungen?

Freudenschuss: Peter und sein Kollege machen natürlich vor Trainings immer auch eine Risikoanalyse. Aber die war in diesem Fall so, dass sie das so eingeschätzt haben, dass es in Ordnung ist zu fahren und dieses Seminar zu geben. Zumal die Inhalte ja in keiner Weise politisch waren.  Es ging um Grundregeln in der Verwendung digitaler Technologien: Wie man Passwörter erstellt, aufbewahrt, sich daran erinnert oder wie man mit seinen Daten sicher umgeht. Da konnte man nicht davon ausgehen, dass das zu einer Gefahr wird für die Gruppe.

Was sagen denn die Anwälte? Wie lange kann das Ganze dauern?

Ó Cluanaigh:  Ich glaube, Untersuchungshaft in der Türkei kann bis zu zwölf Monate und mehr dauern. Aber wir warten noch immer auf konkrete Hinweise von unseren Anwälten dort.

 Stehen Sie in Kontakt mit der Bundesregierung?

Freudenschuss: Wir hatten in den vergangenen 13 Tagen kontinuierlich Kontakt mit dem Konsulat und darüber auch mit dem Auswärtigen Amt. Die haben uns versichert, dass sie alles tun, was sie tun können.


Aber jetzt gehen Sie selbst – Familie, Freunde und Kollegen – an die Öffentlichkeit und schlagen Alarm. Warum das?

Ó Cluanaigh: Wenn man nicht selbst an die Öffentlichkeit geht und die Sache erklärt,  dann kann es sein, dass es falsche Informationen gibt in dem derzeitigen Klima. Wir haben da auch nichts zu verbergen, was Peters Arbeit angeht. Es ist eine sehr tolle Arbeit. Und es ist sehr toll, was sie den Leuten in der Türkei angeboten haben. Es ist einfach eine Schande, was da jetzt passiert ist. Es ist wichtig, als Angehörige klarzustellen,was wir fühlen. Damit man wahrnimmt, was da gerade in der Türkei läuft. Und es sieht so aus, als ob niemand dort sicher ist.

Wie geht es jetzt weiter?

Freudenschuss: Das können noch nicht so genau sagen. Wir warten jetzt auf die übersetzten Dokumente, die es von der Entscheidung heute morgen gibt. Und dann werden wir uns mit den Anwälten, den türkischen Menschenrechtsorganisationen und anderen Akteuren erstmal absprechen und schauen, was Sinn macht.

Interview: Panja Schollbach, mit Material von dpa

Zuletzt aktualisiert: 18.08.2017, 03:13:20