Es hat sich ausgedieselt

Gepostet am 09.08.2017 um 15:44 Uhr

Warum an Förderprämien für Dieselfahrer nicht alles schlecht ist und Union und SPD für ihre lobbyfreundliche Auto-Politik an der Wahlurne einen Denkzettel erhalten könnten, erklärt Thomas Kreutzmann.

Ist VW noch zu retten? Durchaus – auch wenn manche seiner Manager es eigentlich nicht verdient hätten. Zu uneinsichtig treten sie auf; zu wenig gestehen sie sich ein, dass betrogen wurde. Kein Wunder, dass dem groß angekündigten “Umwelt-und Zukunftsprogramm” mit Verschrottungsprämien für Alt-Diesel bei Volkswagen und anderen Herstellern erhebliches Misstrauen entgegenschlägt.

Geht es um eine Rettungsaktion fürs versaute Image? Oder will man aus den Betrügereien noch Profit schlagen? Und auf Kosten anderer Anbieter zusätzliche Marktanteile in einem hart umkämpften Markt gewinnen? Beides trifft vermutlich zu. Und man darf auch nicht zuviel an besserer Luft erwarten, wenn Euro-1- bis Euro-4-Diesel aus dem Verkehr gezogen werden sollen.

Praktischer Nutzen überschaubar

Denn Euro-1-Fahrer dürften oft kaum Geld für Neuwagen haben. Warum sonst fahren sie so alte Kisten? Und Euro-4-Fahrer haben oft noch wunderbar funktionsfähige, neuwertige Autos mit wenigen zehntausend Kilometern Laufleistung. Warum sollen sie die verschrotten – zumal wenn sie noch mehr wert sind als etwa eine viertausend–Euro-Prämie beim Neukauf eines Polo?

Erst recht werden wenige dieser Fahrzeugbesitzer dann einen neuen Euro-6-Diesel kaufen im blinden Glauben daran, dass diese modernen Diesel wirklich zukunftsträchtig sind. Der praktische Nutzen bei der Luftreinhaltung in Deutschlands 28 urbanen Problemzonen wird also überschaubar bleiben.

Man darf auch das Positive sehen

Andererseits geht es eben auch darum, dass eine wichtige deutsche Branche nicht durch Trägheit, Gier und Geiz ihres angestellten Führungspersonals in einen Abgrund gerissen werden darf. Deswegen kann man ruhig auch das Positive in solchen Rabattaktionen sehen. Der konzerneigene Zuschuss plus die staatliche Elektroautoprämie summieren sich etwa bei einem Elektro-Golf auf annähernd 12.000 Euro.

Das zuvor mit 36.000 Euro überteuerte Kleinserien-Kompaktauto verbilligt sich auf sehr viel erschwinglichere 24.000 Euro. Damit wird es konkurrenzfähiger gegenüber preiswerteren Elektromobilen vom Schlage eines Nissan Leaf. VW versucht damit, ernsthaft als Elektroautohersteller ins Geschäft zu kommen, bevor in drei, vier Jahren eine komplette elektrische Modellpalette zur Verfügung steht.

Es braucht mehr als Software-Updates

Das ist gut für die Umwelt und für die Arbeitsplätze. Solche guten Wünsche sollte diesen Konzern und andere aber nicht davon entbinden, die vorhandenen Betrugsdiesel nach Euro 5 und Euro 6 mit teureren Reinigungslösungen auszustatten, die besser funktionieren als nur ein Software-Update.

Sogar die lange auffällig zurückhaltende Umweltministerin Barbara Hendricks (SPD) drängt inzwischen darauf, während Verkehrsminister Dobrindt (CSU) die Industrie noch mit der Billiglösung auf Kosten der Autofahrer davon kommen lassen will. Vorsicht, Union! Das könnten viele der Millionen betroffenen Autofahrer bei Ihrer Stimmabgabe für den nächsten Bundestag berücksichtigen.

Willfährige Handlanger

CDU und CSU, aber im Grunde auch die SPD haben sich zum willfährigen Handlanger einer Industrie gemacht, die sich selbst in schwerste Probleme manövriert hat. Grüne und Linke könnten davon profitieren. Sie haben vermutlich auch weniger politische und finanzielle Unterstützung aus der Autoindustrie erhalten als die Parteien der Großen Koalition.

Und sind jetzt freier darin, Mängel und Fehler anzuklagen. Solche politischen Probleme können Union und SPD nicht mit einer Verschrottung für den Wähler vergessen machen. Nur vielleicht ein bisschen, wenn sie endlich damit beginnen, ihre überkommene Industriepolitik zu verschrotten, die jahrzehntelang Lobbygruppen viel zu viel Einfluss eingeräumt hat.

Zuletzt aktualisiert: 24.10.2017, 11:28:27