Digitalisierung, die krank macht

Gepostet am 03.05.2017 um 17:11 Uhr

Mehr Arbeit, mehr Zeitdruck, mehr Stress: Die Digitalisierung in Unternehmen belastet nach einer Umfrage des DGB zunehmend die Arbeitnehmer. Arbeitgeber nutzen sie auch zur Überwachung. Gewerkschafter fordern eine Anti-Stress-Verordnung. Von Dagmar Pepping.

Mehr Arbeit, mehr Zeitdruck, mehr Stress: Die Digitalisierung in Unternehmen belastet nach einer Umfrage des DGB zunehmend die Arbeitnehmer. Arbeitgeber nutzen sie auch zur Überwachung. Gewerkschafter fordern eine Anti-Stress-Verordnung.

Von Dagmar Pepping, ARD-Hauptstadtstudio

Permanente Erreichbarkeit durch das Smartphone, eine Flut von E-Mails, die Beschäftigte lesen und beantworten müssen, dazu die komplette Überwachung aller Arbeitsabläufe durch den Arbeitgeber.

Die Art und Weise, wie die digitale Technik zum Einsatz komme, bedeute für viele Beschäftigte keine Entlastung, sondern zusätzlichen Stress, warnt DGB-Vorstandsmitglied Annelie Buntenbach. Stichwort: Leistungskontrolle am Arbeitsplatz. Zum Beispiel bei Amazon, sagt Buntenbach: “Da die Arbeit digital organisiert ist, sieht man, wenn jemand  fünf Minuten nichts tut und sich vielleicht mit dem Kollegen unterhält. Das sind Dinge, die auch schon zu Abmahnungen geführt haben.”

Arbeitsbelastung nimmt zu

Für seinen jährlichen Index “Gute Arbeit” hat der Deutsche Gewerkschaftsbund fast 10.000 Beschäftigte aller Branchen und Berufsgruppen befragt. Ergebnis der nun vorgelegten Sonderauswertung: 46 Prozent der Befragten gaben an, dass ihre Arbeitsbelastung aufgrund der neuen Technologien zugenommen habe. 54 Prozent sagten in der repräsentativen Umfrage, ihre Arbeitsmenge sei durch die Digitalisierung größer geworden. 69 Prozent beklagen, sie würden ständig unterbrochen oder gestört.

“Und der generell schon hohe Anteil von Beschäftigten, die oft gehetzt und unter Zeitdruck arbeiten müssen, nimmt mit steigendem Digitalisierungsgrad noch zu”, sagt Buntenbach. Eine bedenkliche Entwicklung, da ein hohes und dauerhaftes Stressniveau am Arbeitsplatz für die Betroffenen mit großen gesundheitlichen Risiken verbunden sei, so die DGB-Frau: “Die Zahl der Beschäftigten mit Burnout-Syndrom und anderen psychischen Erkrankungen ist auf ein erschreckend hohes Niveau angestiegen. 43 Prozent der Erwerbsminderungsrenten gehen heute auf psychische Erkrankungen zurück.”

Am “goldenen Dreieck” festhalten

Immer mehr Leistung in derselben Arbeitszeit. Ver.di-Vorstandsmitglied Lothar Schröder drängt auf mehr Mitbestimmung der Beschäftigten im Betrieb und auf einen besseren Arbeitsschutz – zum Beispiel durch verpflichtende Untersuchungen: “Wir brauchen Gefährdungsbeurteilungen, die nach der psychischen Belastung fragen und nicht nur nach körperlichen Belastungen.”

Stichwort: Arbeitszeit. Angesichts der laufenden Debatte über eine Lockerung des Arbeitszeitgesetzes will IG Metall-Vorstandsmitglied Hans-Jürgen Urban im Grundsatz am bestehenden “goldenen Dreieck” festhalten: “Das bedeutet einen 8-Stunden-Tag, eine 40-Stunden-Woche und 11-Stunden-Ruhezeiten.”

Für eine weitere Deregulierung des Arbeitszeitgesetzes sehe er “keine Notwendigkeit”. Stattdessen fordert die IG Metall – unterstützt durch den DGB – eine Anti-Stress-Verordnung, die gesetzlich verankert werden müsse. Hier gelte es, eine Regelungslücke im deutschen Arbeitsschutzrecht zu schließen, so Urban.

Wissenschaftliche Studie

Eine weitere Studie untersucht den Zusammenhang zwischen Stress am Arbeitsplatz und psychischen Erkrankungen: Am Freitag will die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ihren Abschlussbericht für das Projekt “Psychische Gesundheit in der Arbeitswelt” vorstellen. Auftraggeber der mehrjährigen wissenschaftlichen Untersuchung ist das Bundesministerium für Arbeit und Soziales von Andrea Nahles.

Mit dieser Studie seien die wissenschaftlichen Belege für den Zusammenhang zwischen Arbeitsbedingungen und psychischer Gesundheit “dann nicht mehr vom Tisch zu wischen”, sagt Buntenbach mit Blick auf die Arbeitgeber. Ein Runder Tisch im Arbeitsministerium soll die Ergebnisse des BAuA-Berichts und die Konsequenzen daraus erörtern. Dieser Runde Tisch “dürfe aber nicht zur langen Bank werden”, fordert Buntenbach. Der DGB werde es nicht akzeptieren, wenn “die Probleme kaschiert und verbindliche Lösungen auf den St. Nimmerleins-Tag verschoben” würden.

DGB-Umfrage: Digitalisierung belastet Arbeitnehmer zunehmend
D. Pepping, ARD Berlin
15:55:00 Uhr, 03.05.2017

Über dieses Thema berichtete NDR Info am 03. Mai 2017 im “Mittagsecho” ab 13:00 Uhr.

Zuletzt aktualisiert: 20.11.2017, 16:18:24