Buy one, get two: Neues SPD-Dreamteam Schulz und Gabriel

Gepostet am 06.07.2017 um 15:45 Uhr

Warum Gemeinschaftsauftritte von Kanzlerkandidat Schulz und Außenminister Gabriel dem Profil der SPD gut tun – aber trotzdem den Kanzlerkandidaten schwächen könnten. Ein Kommentar von Thomas Kreutzmann.

In den vergangenen zwanzig Jahren konnten einem zu Sigmar Gabriel diverse Eigenschaften einfallen. Aber nicht gerade “verhärmt”. Doch als er am Donnerstag mit Martin Schulz vor die Presse trat, machte er genau diesen Eindruck: abgenommen, Denkerfurchen. Sichtbar hohes Arbeitspensum. Der ganze Mann: hoch konzentriert. Trotzdem merkte man schnell, dass Gabriel – seit er nicht mehr SPD-Bundesvorsitzender ist, körperliches Gewicht verloren, aber schon wieder politisches Gewicht gewonnen hat. Routiniert und kompetent in Detailfragen wie in der Darstellung politischer Inhalte, wurde er da pointiert und präzise, wo der neue SPD-Chef und Kanzlerkandidat Martin Schulz allgemeiner blieb.

Schulz nicht überstrahlen

Dabei versuchte er viel, um diesmal Schulz nicht zu überstrahlen. Ungewöhnlich für den durchaus nicht von Minderwertigkeitskomplexen geplagten Gabriel sind seine – geradezu ins rhetorische Schaufenster gestellten – Verweise auf die Vorrangrolle von Martin Schulz. Immer wieder betonte Gabriel, er beziehe sich auf dies, was “der SPD-Vorsitzende”, und jenes, was der “Herr Schulz” gerade gesagt habe. Gabriel stellte sich für alle sichtbar in die zweite Reihe, ein Getreuer seines neuen Herrn, wie weiland Lancelot für König Arthur oder Ron Weasley für Harry Potter.

Gabriel beherrscht Regeln

Und er sprang in die Bresche. Etwa, wenn Schulz Ungarns oder Polens harsche Ablehnung kritisiert, Flüchtlinge aufzunehmen, und etwas über positive Anreize zur Flüchtlingsaufnahme sagt. Damit das nicht verpufft, macht Gabriel nachher den Sack zu, indem er konkretisiert: Die EU solle künftig direkt Geld an Kommunen in Europa zahlen (und nicht an ihre Regierungen), wenn die Gemeinden bereit sind, Flüchtlinge aufzunehmen. Aus Brüssel müsse soviel fließen, dass einiges auch für die Wohnbevölkerung in diesen Gemeinden übrig bleibt. Das war ein kleines Lehrstück in Schlagzeilensetzung, und man merkt, dass Gabriel die Regeln der deutschen Innenpolitik und Nachrichtengebung noch immer um einiges besser beherrscht, als der bisherige Europapolitiker Schulz.

Doch letztlich ergänzen sich der joviale Herr Schulz mit seiner freundlich-rheinischen Sprachfärbung und der schon mal noch aggressiver zuspitzende Niedersachse Gabriel im Duo und im Wahlkampfmodus. Nacheinander und im Zusammenspiel schärfen sie das Bild der SPD-Kampagne 2017. Seit heute weiß man, dass Schulz auf den Wehretat von 37 Milliarden Euro zwei bis vier Milliarden pro Jahr packen würde, um die USA innerhalb der Nato etwas zu entlasten, während Stimmen aus der Union extrem viel mehr Geld für die Aufrüstung fordern. Worauf Gabriel gleich ergänzt, dass die SPD das viel zitierte Zwei-Prozent–Ziel (“zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts ins Militär”), auf dass sich die NATO-Mitglieder angeblich geeinigt hätten, nicht anerkennt. Gemäß dem neuen A-B-A-B-Muster in der SPD-Spitze deklinieren beide auch ihr Konzept zum G-20-Gipfel durch, den sie als Bühne nicht allein Angela Merkel überlassen wollen.


Vereinte Nationen ins Boot holen

So fordern sie, nicht die reichen und mächtigen G-20-Staaten sollten, wie in Hamburg, unter sich bleiben und über aktuelle Krisenherde und langfristige globale Entwicklungen sprechen. Sondern die G-20-Staaten sollten die Vereinten Nationen als gleichberechtigten Vertreter der ganzen Welt dabei haben. Und immer wieder Friedenspolitik. Schulz und Gabriel forcieren ein Thema, mit dem die SPD immer wieder recht erfolgreich Wahlkampf gemacht hat – bis hin zu Gerhard Schröders Nicht-Beteiligung am Irak-Krieg. Wie gesagt, immer hübsch einander ergänzend.

Am Ende bleibt der Eindruck ein bisschen wie früher bei den Clintons: “Buy one … and get two.” Die SPD profitiert durchaus vom Duo Schulz-Gabriel. Auch weil ihr enges Zusammenwirken Geschlossenheit in der angeschlagenen SPD symbolisiert – wie zuvor schon Gerhard Schröders Pro-Schulz-Auftritt beim SPD-Bundesparteitag in Dortmund. Längerfristig werden solche Duo-Auftritte aber immer wieder dieselbe Frage aufkommen lassen: Braucht man zwei Sozialdemokraten, um einer Merkel Paroli bieten zu können?

Zuletzt aktualisiert: 24.07.2017, 18:45:21