Unbefriedigende Erklärungen

Gepostet am 01.09.2017 um 17:16 Uhr

Der Bericht zum Tod des Bundeswehr-Rekruten in Munster bleibt in zentralen Punkten unklar – in anderen wirkt er kurios. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Autoren bewusst nachsichtig mit ihren Kameraden umgegangen sind, meint Christoph Prössl.

Der Bericht zum Tod des Bundeswehr-Rekruten in Munster bleibt in zentralen Punkten unklar – in anderen wirkt er kurios. Es drängt sich der Eindruck auf, dass die Autoren bewusst nachsichtig mit ihren Kameraden umgegangen sind.

Ein Kommentar von Christoph Prössl, ARD-Hauptstadtstudio

Was ist da schief gelaufen am 19. Juli in Munster? Wie kann es passieren, dass gleich vier Personen bei einem Marsch kollabieren, einer stirbt und einer nach wie vor im Krankenhaus liegt? Die Bundeswehr hat dazu einen Bericht veröffentlicht, der auf 42 Seiten sehr genau ausleuchtet, was geschehen ist und vor allem warum.

Das Heer macht mit dieser Untersuchung deutlich, dass die Bereitschaft vorhanden ist, wirklich Antworten zu finden. Das Wetter wird bewertet, die Bundeswehr vermaß, wie viel des Marschweges im Schatten lag, ob die betroffenen Soldaten gesund waren, wie die Befehlslage war, wie die Vorgesetzten agierten und so weiter.

Deutlich wird: Eine einzelne Ursache für die tragischen Vorfälle gibt es nicht. Die Staatsanwaltschaft ermittelt noch. Die Bundeswehr untersucht, ob Vorgesetzte Fehler gemacht haben.

Wo waren die Führungskräfte?

Trotzdem lassen sich erste Schlüsse ziehen. Ja, an mehreren Punkten haben Vorgesetzte Fehler gemacht. Mehrere Führungskräfte waren im Urlaub. Der Bericht kommt zu dem Schluss, es habe ein “Vakuum bei der Dienstaufsicht” geherrscht. Das ist eine unbefriedigende Erklärung. Wieso haben so viele Führungskräfte gleichzeitig frei und gibt es keine Stellvertreter, die in der Lage sind, eine Übung ohne Zwischenfälle durchzuführen?

Das Ausbildungskonzept sah für die Offiziersanwärter einen Eingewöhnungsmarsch vor. Sechs Kilometer – das ist eine überschaubare Strecke. Doch weil mehrere Soldatinnen und Soldaten Ausrüstungsgegenstände vergessen hatten, musste sie zurück zur Kaserne laufen – die Strecke wurde deutlich länger. Die Ausbilder ließen auch Liegestütze machen und befahlen Laufschritt.

Das widerspreche der Zielsetzung eines Eingewöhnungsmarsches, heißt es in dem Bericht und sei künftig zu unterlassen. Klingt harmlos, wirft aber den Verdacht auf, dass die Ausbilder die Offiziersanwärter schikaniert haben. Schikanöses Verhalten könnte eine Rolle gespielt haben, sagt auch der Wehrbeauftragte des Deutschen Bundestages.

Bewusst nachsichtig?

Der Bericht bleibt an dieser Stelle unklar. Es drängt sich sogar der Eindruck auf, dass die Autoren bewusst nachsichtig mit ihren Kameraden umgegangen sind. Wohlgemerkt: Nicht nachlässig in der Aufarbeitung aber sehr vorsichtig bei der Suche nach Verantwortlichkeit.

Etwas wunderlich wirkt es, wenn die Verfasser des Berichtes erörtern, ob kontrolliert werden müsste, dass die Offiziersanwärter vor dem Übungsmarsch ordentlich gefrühstückt haben. Hier deutet sich an, dass die Bundeswehr manches Mal im Spannungsfeld von Befehl und Gehorsam den gesunden Menschenverstand vergisst.

Zuletzt aktualisiert: 23.09.2017, 13:00:46