Festgelegt durch Streit und Widersprüche

Gepostet am 09.09.2017 um 05:17 Uhr

Die Verteilung der Sitzplätze im Bundestag folgt keinen Regeln. Dennoch sitzen – vom Bundestagspräsidenten aus gesehen – die Konservativen immer rechts und die Progressiven links. Es gibt Traditionen, die das festlegen – entstanden aus Streit und Widersprüchen. Von Alex Krämer.

Die Verteilung der Sitzplätze im Bundestag folgt keinen Regeln. Dennoch sitzen – vom Bundestagspräsidenten aus gesehen – die Konservativen immer rechts und die Progressiven links. Es gibt Traditionen, die das festlegen – entstanden aus Streit und Widersprüchen.

Von Alex Krämer, ARD-Hauptstadtstudio

Zunächst mal richtet sich die Sitzordnung im Parlament nach dem üblichen Rechts-Links-Schema: je konservativer, desto weiter rechts, je progressiver, desto weiter links – immer vom Präsidenten her gesehen. Eine derartige Sitzordnung gab es zum ersten Mal im französischen Parlament im frühen 19. Jahrhundert. Dort beanspruchten Adel und Kirchenleute, Konservative also, den “Ehrenplatz” auf der Rechten. Bürger und Bauern saßen weiter links. Das erste deutsche Parlament mit einer solchen Sitzordnung war das in der Frankfurter Paulskirche im Jahr 1848.

FDP: national, liberal – rechtsaußen

Würde man sich im nächsten Bundestag komplett nach diesem Prinzip richten, wäre die Sortierung ziemlich einfach. Von links nach rechts gesehen säßen dort erst die Linke, daneben die Grünen, dann die SPD, die FDP, die Union und rechtsaußen die AfD.

Aber so einfach ist es nicht. Der Bundestag hat nämlich auch noch seine eigenen Traditionen. Ganz rechtsaußen saß von 1949 bis 2013 keineswegs die Union, sondern immer die FDP. Die galt in den Anfangsjahren der Bundesrepublik als nationalliberal und wurde deshalb dort einsortiert. Später hatte niemand mehr Lust zu tauschen.

Streit um den Platz der Grünen

Um den Platz der Grünen gab es Krach, als die Partei im Jahr 1983 erstmals in den Bundestag einzog. Unbestritten waren die Grünen damals ziemlich links. Aber wenigstens im Plenarsaal wollte die SPD keine Fraktion links von sich haben. Die Union wiederum wollte die Neuen genau dort, also linksaußen positionieren.

Es ging so lang hin und her, dass die Grünen irgendwann sogar drohten, sie würden bei der ersten Parlamentssitzung überhaupt nicht sitzen, sondern in der Mitte stehen bleiben. Dazu kam es nicht, man einigte sich auf den Platz zwischen SPD und Union. Und dort, mittendrin, sitzen die Grünen bis heute.

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Widersprüchliche Traditionen

Es gibt also viele Traditionen – auch widersprüchliche. Die Aufgabe, die künftig wohl sechs Fraktionen irgendwie zu sortieren, wird noch dem scheidenden Bundestagspräsidenten Norbert Lammert zufallen. Sein Job ist es, vor der konstituierenden Sitzung des neuen Bundestages gemeinsam mit den Fraktionen eine einvernehmliche Lösung zu suchen.

Das hat bisher immer geklappt. Gelingt es aber diesmal nicht, dann dürfte Lammert zur Not auch einfach festlegen, wer in der ersten Sitzung wo sitzen muss. Für spätere Sitzungen könnte dann der Bundestag mit Mehrheit über die Sitzordnung entscheiden.

Unterschiedliche Meinungen

Es gibt sehr unterschiedliche Meinungen dazu, welche Plätze im Plenarsaal gut sind und welche schlecht. Rechtsaußen zum Beispiel bedeutet, direkt vor der Regierungsbank zu sitzen. Dafür sitzt man aber ganz am Rand. Ist das jetzt gut oder schlecht?

Früher galten die Mittelplätze als besonders günstig, weil die Fernsehkameras hinter dem Präsidenten standen und die Mitte des Plenums dadurch häufig im Bild war. Heute allerdings gibt’s mehr Kameras im gesamten Saal, dieses Argument zieht also nicht mehr ganz so stark.

Anspruch auf die erste Reihe

Eine Rangfolge nach dem Motto “Die einen sitzen weiter hinten, die anderen weiter vorn” gibt es für die Fraktionen im Parlament natürlich nicht. Jede hat Anspruch auf Plätze in der ersten Reihe. Wie viele, hängt von ihrer Größe ab.

Dort, ganz vorne, sitzen dann die Fraktionschefs und die Parlamentarischen Geschäftsführer – das sind auch die einzigen, die wirklich feste Plätze haben. Alle anderen Abgeordneten können sich im Bereich ihrer Fraktion dort hinsetzen, wo sie gerade wollen.

Hypothetisches Stühlerücken im Bundestag – wer sitzt wo?
Alex Krämer, ARD Berlin
16:25:00 Uhr, 08.09.2017

Zuletzt aktualisiert: 20.09.2017, 02:05:38