Ruhe bewahren – ein Plädoyer für Gelassenheit gegenüber Erdogan

Gepostet am 11.09.2017 um 15:55 Uhr

Immer wieder provoziert der türkische Präsident Erdogan. Die Bundespolitik im Wahlkampf spuckt laute Töne gen Erdogan. Falsch, meint Angela Ulrich – gerade jetzt ist Ruhe gefragt.

Nein, und nochmals nein. Ich will keine roten Politikerköpfe erleben. Keinen Schaum vor dem Mund, wenn es um die derben Provokationen aus der Türkei geht. Und schon gar keine übereilten Retourkutschen.

Natürlich fällt es schwer, ruhig Blut zu bewahren, wenn der Herrscher vom Bosporus quasi im Stakkato-Takt Giftpfeile nach Berlin schießt. Es ist vielleicht noch einfacher, wenn sie so lächerlich sind wie zuletzt die Reisewarnung aus Ankara Türken mögen bitte im bösen Deutschland vorsichtig sein, hat Erdogan trompetet. Das nimmt ihm niemand ab, und man könnte laut loslachen, wenn es nicht so traurig wäre. Andere Provokationen sind leider gar nicht zum Lachen: Dass schon wieder ein deutsches Ehepaar türkischer Herkunft an der Grenze zur Türkei festgenommen wurde zum Beispiel. Ganz zu schweigen von der Haft von Deniz Yücel und so vielen anderen, die für Meinungsfreiheit und kritischen Journalismus einstehen und das büßen müssen.

Nicht in Erdogans Fallen tappen

Das geht gar nicht, klar. Aber genau deshalb will ich nicht, dass wir nun immer und immer wieder in die Fallen tappen, die Erdogan uns aufstellt. Weder wir Journalisten, noch die Politiker im Wahlkampf. Denn zu Provokationen gehören zwei: einer der piesackt, und einer, der sich provozieren lässt.

Das A und O im Streit mit Erdogan heißt für mich daher: Ruhe bewahren. Gelassen bleiben. Manchmal sogar eiskalt die Klappe halten. Wie bei der absurden Reisewarnung aus Ankara. Und auch bei haltlosen Nazi-Vorwürfen gegen die Kanzlerin. Abtropfen lassen. Komplette Missachtung nervt Erdogan.

Berlin steht isoliert da

Manchmal geht das nicht, wie bei den inhaftierten Deutschen in der Türkei. Aber dann muss auch die klare Kante gegen Erdogan kühl kalkuliert sein. Mal husch-husch und lautstark einen Abbruch der EU-Beitrittsverhandlungen zu fordern à la Martin Schulz? Wo die SPD-Linie zuvor noch ganz anders war? Um die Kanzlerin im TV-Duell zu überrumpeln, die prompt einschwenkt? Erdogan dürfte sich ins Fäustchen lachen. Er hat die Spitzenleute vor sich her getrieben. Der Wahlkampf in Deutschland verschafft ihm eine Opferrolle. Berlin steht in Brüssel isoliert da.

Wer Erdogan keine Geschenke dieser Art machen will, sollte gelassen bleiben, statt um das stärkste Muskelspiel zu rangeln. EU-Beitrittsverhandlungen einfrieren, statt abbrechen. Es gibt schließlich auch Zeiten nach Erdogan. Das ist keine Feigheit, sondern Klugheit. Im Wahlkampf und auch danach.

 

Zuletzt aktualisiert: 21.11.2017, 14:29:52