Die Lage der deutschen Autoindustrie – bescheiden wäre noch geprahlt

Gepostet am 24.07.2017 um 17:35 Uhr

Führen die Skandale der letzten Zeit zu einem wirklichen Umdenken in Politik und Industrie? Unser Kommentator Arne Meyer-Fünffinger sieht noch eine letzte Chance für die deutsche Autoindustrie. Wird sie nicht genutzt, werden andere vorfahren.

In der kommenden Woche, am 2. August, sitzen in Berlin diejenigen zusammen, die den Schlamassel zu verantworten haben, in dem die deutsche Autoindustrie jetzt steckt – beim Diesel-Gipfel. Audi, BMW, Daimler, Porsche, Volkswagen – noch vor kurzem Namen von großem Klang. Bis zum Bekanntwerden des Diesel-Skandals im September 2015 die Aushängeschilder der hiesigen Wirtschaft, die weltweit vorausgefahren sind.

“Vorsprung durch Technik”!

Wer beim Daimler schaffte oder in Wolfsburg am Band stand, der war stolz darauf. Bei vielen Beschäftigten ist das inzwischen bestimmt nicht mehr so. Erst wegen des Skandals um manipulierte Diesel-Motoren. Seit Freitag stehen auch Vorwürfe der Bildung eines Autokartells im Raum. Was für ein Scherbenhaufen!

Eine Zeitenwende?

Wünschenswert wäre, wenn diese Ereignisse in einigen Jahren als das eingeordnet werden könnte, was jetzt dringend notwendig ist: eine Zeitenwende, ein tiefer Einschnitt, der in Politik und Industrie zu einem Umdenken geführt hat. Passiert das nicht, ist die Branche hierzulande nicht mehr zu retten. Elektroantrieb-Pioniere wie Tesla, die noch defizitär arbeiten, stehen schon bereit.

Die Macht der Autokonzerne

Dass es zwischen Ministerien und der Autolobby seit Jahren enge Verflechtungen gegeben hat, war wohl den meisten klar. Im parlamentarischen Untersuchungsausschuss zur Aufarbeitung der Diesel-Affäre ist deutlich geworden, dass die Industrie am längeren Hebel sitzt und die Spielregeln bestimmt. Manipulierte Motoren, die ein Vielfaches an erlaubten Schadstoffen ausstoßen und die Luft verpesten – Audi und Co. hatten keine Skrupel, ihre Autos mit einer Software auszustatten, um mit einer vermeintlich sauberen Weste da zu stehen. Das zeigt die Arroganz und die Hybris einer Branche, die jetzt völlig zu Recht am Pranger steht.

Die Politik hat weggeschaut

Die Ironie ist: Dass Bundes- und Landesministerien und die ihnen unterstellten Behörden dabei trotz mehrfacher Hinweise jahrelang untätig zugesehen haben, hat die Branche am Ende in diese schwierige Lage gebracht. Dabei wurde immer wieder das Totschlagargument angeführt: Millionen Arbeitsplätze bei den Autokonzernen und ihren Zulieferern stehen auf dem Spiel. Dass diese Jobs jetzt tatsächlich auf dem Spiel stehen, liegt auch an diesem politischen Phlegma.

Eine letzte Chance

“Aus innerem Antrieb”, “Freude am Fahren” oder “Das Auto” – das sind oder waren Slogans einer Branche, die im Lichte der aktuellen Lage wie Hohn klingen. Die deutsche Autoindustrie steckt in einer Vertrauenskrise und noch hat sie die Chance, da selber raus zu kommen. Gelingt ihr das nicht, und taktiert sie weiter, wäre es nicht schade, wenn bald andere vorausfahren.

 

Zuletzt aktualisiert: 18.08.2017, 03:13:33