Mehr Leistung für Pflegebedürftige?

Gepostet am 21.04.2017 um 15:20 Uhr

Seit 100 Tagen wird die Pflegebedürftigkeit anders eingestuft, statt Pflegestufen werden jetzt Pflegegrade vergeben. Der medizinische Dienst zieht Bilanz. Nina Barth berichtet.

Für den Chef des Medizinischen Dienstes, Peter Pick, ist es eindeutig. Er sagt: “Die Versorgung der Pflegebedürftigen ist besser geworden.”

Und das heißt: Durch das neue Begutachtungs-System bekommen mehr Pflegebedürftige Leistungen. Seit dem ersten Januar haben die medizinischen Dienste über 220.000 Begutachtungen nach dem neuen Pflegebedürftigkeitsbegriff durchgeführt – und das meist mit einem positiven Ergebnis.

Bei mehr als 80 Prozent der Begutachtungen wurde eine Pflegebedürftigkeit festgestellt und die Pflegebedürftigen einem der fünf Pflege-Grade zugeordnet”, fasst Pick zusammen, “fast 129.000 dieser Pflegebedürftigen erhalten erstmals Leistungen der Pflegeversicherung.”

Das war auch so zu erwarten, denn das entscheidende Kriterium bei der Einstufung ist jetzt, was der Pflegebedürftige in den verschiedenen Bereichen des Alltags noch alleine kann und was nicht. Davon profitieren vor allem Menschen mit Demenz, erklärt Bernhard Fleer vom Medizinischen Dienst:

Das neue Verfahren ist umfassend und ist für die Versicherten nachvollziehbar. Die Auswirkungen von psychisch-kognitiven und körperlichen Beeinträchtigungen werden jetzt bei der Begutachtung gleichermaßen berücksichtigt. Dies beeinflusst die Begutachtung von Menschen, die sich beispielsweise im Anfangsstadium einer demenziellen Erkrankung befinden. Die Betroffenen sind zwar körperlich meist noch fit, aber in ihren kognitiven Fähigkeiten eingeschränkt. Und an diesem Punkt wird besonders auch die Veränderung zum bisherigen Verfahren deutlich.”

Das hat auch zu einer wahren Flut von neuen Anträgen geführt. Seit Januar waren es fast ein Drittel mehr als im gleichen Zeitraum des vergangenen Jahres. Und das wiederum hat längere Wartezeiten zur Folge, erläutert Peter Pick:

Wer heute einen Pflegeantrag stellt, muss mit einer Bearbeitungszeit von bis zu acht Wochen rechnen. Für dringliche Fälle gibt das Gesetz Fristen vor. Alle diese Fristen werden in rund 96 Prozent aller Fälle eingehalten. Für alle Begutachtungsfälle gilt darüber hinaus, der Leistungsanspruch gilt immer ab dem Tag, an dem jemand seinen Antrag bei der Pflegekasse gestellt hat.”

Leistungen werden also auch nachträglich gewährt. Zur Einstufung kommt der Medizinische Dienst zu den Antragstellern nach Hause:

“Hierzu ist zu sagen, dass Versicherte und ihre Angehörigen sich auf den Besuch vorbereiten können, indem sie im Vorfeld der Begutachtung gemeinsam überlegen, was im Alltag des Pflegebedürftigen besondere Schwierigkeiten macht und wobei Unterstützung gewünscht wird. Und es geht dabei um so Themenbereiche wie zum Beispiel Waschen, Anziehen, die Medikamenteneinnahme, aber auch, was passiert in der Nacht? Was ist dort an Hilfebedarf notwendig. Und die zentrale Frage lautet dabei immer: Was kann der Pflegebedürftige noch alleine?”

… und dabei nicht nur auf körperliche Einschränkungen schauen – denn das ist der zentrale Unterschied zum bisherigen Begutachtungsverfahren. Das neue ist gut angelaufen, sagt der Medizinische Dienst – und rechnet für die Zukunft mit einer Anerkennungsquote von 90 Prozent.

 

Zuletzt aktualisiert: 24.06.2017, 22:36:34