100%-Schulz überzeugt als Parteichef – noch nicht als Kandidat

Gepostet am 19.03.2017 um 17:35 Uhr

Seine Basis hat Martin Schulz begeistert. Gilt das Gleiche für die Wählerinnen und Wähler? Dafür muss der frisch gekürte SPD-Parteivorsitzende Inhalte liefern, kommentiert Jörg Seisselberg.

Nein, Martin Schulz ist nach dem Parteitag nicht über das Wasser der nahe gelegenen Spree gelaufen, sondern ganz normal im Auto nach Hause gefahren. Ansonsten geschieht aber viel Unglaubliches in der SPD. Dass diese chronisch zerstrittene, mit ihrem Führungspersonal ständig hadernde Partei ihren neuen Chef in geheimer Abstimmung mit 100 Prozent wählt, zeigt, dass die SPD derzeit Unmögliches möglich macht.

Den Test als neuen Parteichef hat Martin Schulz mit viel Glanz und Gloria bestanden. Den Test als Kanzlerkandidat aber noch lange nicht. Denn der Parteitag  war nichts anderes als die Fortsetzung des Schulz-Hypes in offiziellem Rahmen. Die Delegierten haben ihren neuen Spitzenmann gefeiert, dankbar dafür, dass er die Partei wach geküsst hat. Die SPD ist plötzlich keine Partei von gestern mehr, hat ihr Loser-Image abgestreift. Martin Schulz begeistert die sozialdemokratische Basis wie kein anderer SPD-Chef seit dem legendären Willy Brandt – und 100 Prozent Zustimmung, das ist sogar mehr als die sozialdemokratische Ikone geschafft.

Im Schulz-Jubel war gut, dass die Partei Einen nicht vergessen hat. Denjenigen, der den Schulz-Coup eingefädelt und damit eine politisch-strategische Meisterleistung vollbracht hat. Der ehemalige Parteivorsitzende Sigmar Gabriel, über Jahre in einer konfliktreichen Beziehung zu seiner Partei, bekam mit langem Applaus den Liebesbeweis, den ihm die Basis über Jahre beharrlich verweigert hatte. Zurecht, denn mit den aktuellen Umfragedaten zur Hand steht fest: Zumindest zu seinem Abgang hat Gabriel mit seiner einsam getroffenen Nachfolgeregelung alles richtig gemacht.

Mit der Entscheidung für Schulz hat die SPD eine Basis gelegt. Umfragewerte von über 30 Prozent ein halbes Jahr vor der Bundestagswahl sind eine Ausgangsposition, aus der man was machen kann. Jetzt aber muss aus dem Hype Überzeugungskraft werden. Jetzt muss Schulz zeigen, dass er glaubwürdig bleibt, wenn es konkret wird. Respekt für alle im Land, soziale Gerechtigkeit, jeden mitnehmen – damit hat Schulz bislang den Nerv vieler getroffen. Aber: Wer ein Land führen will, von dem muss mehr kommen als nur Schlagworte. Neue, auch konkrete Ideen müssen her. Von denen war heute noch nichts zu hören. Schulz Rede auf dem Parteitag war zu 100 Prozent überraschungsfrei, abgesehen von der Idee einer inhaltlich nicht näher erläuterten Familienarbeitszeit.

Nach der Phase der Anfangsbegeisterung muss die SPD jetzt zügig die zweite Stufe zünden und Inhalte liefern. Nur dann kann es der 100-Prozent-Schulz wirklich schaffen, Merkel aus dem Amt zu vertreiben. Spätestens seit heute ist klar: Die Partei brennt für ihren neuen Chef, die Aufbruchstimmung in der SPD erinnert an beste Willy-Brandt-Zeiten. Auf der anderen Seite steht eine zunehmend müde Kanzlerin, an die ihre Partei immer weniger zu glauben scheint. Es gibt schlechtere Voraussetzungen für einen erfolgreichen Sturm auf’s Kanzleramt.

Zuletzt aktualisiert: 23.07.2017, 00:42:32