Die SPD im Höhenflug

Gepostet am 24.02.2017 um 15:40 Uhr

Infratest dimap sieht im ARD-Deutschlandtrend erstmals seit 2006 die SPD vor der Union. Kanzlerkandidat Martin Schulz gibt der Partei Auftrieb. Angela Ulrich kommentiert.

Diesmal sind es nicht nur die Prozentpunkte. Ja – die SPD liegt vor der Union, 32 zu 31 Prozent. Aber diesmal hat Infratest dimap für den ARD-Deutschlandtrend auch eine beginnende Wechselstimmung in Deutschland ausgemacht. Weg von Merkel, hin zu Schulz. Der SPD-Kanzlerkandidat verleiht seiner Partei Flügel. Alles Schulz oder was?

Die Bild- und Schlagzeilensprache ist eindeutig. Der Retter naht! Mit Pfeil und Bogen zielt ein grün-bewamster Schulz als Robin Hood in das Herz der Wähler – auf dem Handelsblatt. Als Sankt Martin strahlt er vom SPIEGEL-Titel. Auf dem STERN schwenkt Eroberer Schulz die Rote Fahne, dahinter verschwindet eine graue Kanzlerin Merkel fast. Das SPD-Parteiblatt „Vorwärts“ lässt Schulz entrückt gen Himmel blicken. Klar schwingt da – mindestens beim Handelsblatt – Ironie mit. Aber vor allem Hochachtung: Vorsicht – da passiert gerade was in Deutschland. Da kommt eine Partei aus dem Quark, die noch vor kurzem als vermuffter Ladenhüter galt. Da machen Umfrageinstitute erstmals seit vielen, vielen Jahren sogar eine beginnende Wechselstimmung aus: Schluss mit der ewigen Vormacht der Union, hin zu Alternativen – und die bitte unter Führung der SPD. Im Willy-Brandt-Haus, der Parteizentrale, können sie ihr Glück kaum fassen. Auch dort regiert ein neuer Ton: schnelle Rückrufe, zuverlässige Interview-Zusagen, richtiggehender Frohsinn, statt Mattheit und Bräsigkeit.

Nun stand Martin Schulz bisher nicht gerade für einen Linkskurs innerhalb der SPD. Aber der Mann, der sich als Neuling in der Bundespolitik inszeniert und doch so viel Erfahrung in die Waagschale werfen kann, weiß: es geht nur über einen Richtungsentscheid. Die Roten nicht als Wurmfortsatz von Schwarzen, die selbst die Mitte besetzen. Sondern ein Strategiewechsel nach links. Und den kann Martin Schulz eben doch dadurch verkörpern, dass er brennt, für soziale Gerechtigkeit. Dass seine Biographie für den Dialog mit den kleinen Leuten steht. Dass es nicht hohl klingt, wenn er an der Agenda 2010 rüttelt. Das lässt die von Sigmar Gabriel bis dato gepflegte Wirtschaft zwar aufjaulen. Und das klappt auch nur, wenn sich die Union ihrerseits klarer zu ihrem konservativen Profil bekennt: Sicherheit, Ordnung, Geld zusammenhalten. Aber Schulz ermöglicht so eine klare Auswahl, statt zweier zum Verwechseln ähnlicher Volksparteien. Das, was viele Bürger wollen: klare Alternativen.

Statt der selbsternannten Alternative, der für Deutschland übrigens. Denn auch, wenn es für einen Abgesang auf die Rechtspopulisten viel zu früh ist: die AfD leidet auch unter dem Aufschwung der SPD. Denn wenn nun die Genossen als coole Protest-, statt als langweilige Regierungspartei wahrgenommen werden, könnten sich Genervte mit ihnen statt mit dem rechten Rand einlassen. Dann könnte der Robin-Hood-Pfeil des Martin Schulz ins Schwarze treffen.

Zuletzt aktualisiert: 21.07.2017, 08:51:13