Radikalisierung im Cyberraum? Der Verfassungsschutz warnt.

Gepostet am 22.02.2017 um 15:20 Uhr

Beim „Europäischen Polizeikongress“ in Berlin wurde heute das Internet besprochen – oder genauer: Die Gefahren im Cyberraum, die den Sicherheitsbehörden Sorgen machen.

Mit der bunten, meist harmlosen und informativen Internet-Welt des Durchschnitts-Users kann Hans-Georg Maaßen nur wenig anfangen. Unter der Oberfläche beschreibt der Chef des Verfassungsschutzes:

„Den Cyberraum als einen Raum nicht nur der Chancen, sondern aus unserer Wahrnehmung als einen Raum für islamistische Extremisten und Terroristen, um Menschen zu radikalisieren und zur Tatbegehung zu begleiten.“

Besonders im Blick hat der Verfassungsschutz das sogenannte „islamistisch-terroristische Personenpotenzial“, deutschlandweit etwa 1600 bekannte Personen. Allerdings mache das Internet es Terrororganisationen wie dem „Islamischen Staat“ leichter, unerkannt und unauffällig potentielle Attentäter zu rekrutieren, zu schulen und bis zur Ausführung von Anschlägen in Kontakt zu bleiben.

„Wir haben in einer Reihe von Fällen gesehen, dass die Radikalisierung in sozialen Netzwerken begann und dann in Whatsapp-Gruppen fortgeführt wurde. Wir haben gesehen, dass sich in der Cyberwelt eine Parallelwelt entwickelt hat, die eigentlich nichts mit der Realwelt zu tun hatte, in der sich die Menschen bewegten. Es bildet sich eine soziale Gruppe im Cyberraum mit all den Regeln, die Soziologen für soziale Gruppen aufstellen: Wenn man dazugehören will, muss man mitmachen, mitchatten, das Vokabular und das Wertesystem adaptieren, sonst ist man draußen. Es etablieren sich Moscheegemeinden, islamistische Moscheegemeinden im Cyberraum, von denen man in der Realwelt allenfalls etwas mitbekommt, weil die Menschen ihr benehmen verändern, aber man nicht mitbekommt, wer zu dieser Gruppe gehört.“, so Maaßen.

Immerhin sei durch die mediale Berichterstattung und durch jüngere Anschläge die Mithilfe durch die Bevölkerung deutlich angestiegen – täglich bis zu vier Hinweise auf mögliche Terrorplots gehen beim Verfassungsschutz ein.
Eine weitere und wachsende Bedrohung geht laut Hans-Georg Maaßen von ausländischen Geheimdiensten aus.

„Wir sehen, dass der Cyberraum, anders als in den 90er und 2000er Jahren, als er von kriminellen Hackern genutzt wurde, heutzutage von unseren gegenüber von ausländischen Nachrichtendienstes genutzt wird. Seit etwa 2007 stellen wir in hohem Maße Aktivitäten fest, die damit in Anspruch nehmen, was sie auch in der Realwelt getan haben. Nämlich Spionage, Sabotage, Desinformation, Infiltration, Einflussoperationen. Wir sehen das anhand der sogenannten APTs, Advanced Persistent Threads, mutmaßlich aus Russland stammende machen uns besondere Sorge. APT28, APT 29, wobei APT28 im jahr 2015 für den Datenabfluss aus dem Deutschen Bundestag verantwortlich war. Wir gehen von einem russischen Hintergrund aus und wissen nicht, wo die Daten hingingen, welche Daten es waren und wofür diese Daten genutzt werden können“

Ein Thema, das nach den Erfahrungen des US-Wahlkampfs und der möglichen russischen Einflussnahme zur Bundestagswahl aktuell werden könnte. Zwar bemüht sich das Bundesamt für die Sicherheit in der Informationstechnik, das BSI, um die Abwehr von Cyberangriffen, aber BSI-Chef Arne Schönbohm warnt die Politik vor Sorglosigkeit und dem Delegieren von Sicherheitsproblemen:

„Die Parteien und die Abgeordneten sind selbst für ihre Datensicherheit verantwortlich. Es ist nicht Aufgabe des BSI, dort vor Ort zu sein. Man muss sich im Cyberspace wie im Strassenverkehr verhalten: zeigt die Ampel rot, bleibt man stehen, bei grün geht man rüber. Ich habe manchmal den Eindruck im Cyberspace zeigt die Ampel rot und man geht doch bewusst rüber und wundert sich dann, dass man überfahren wird.“

Wobei die neueren Gefahren eines nicht verdecken sollten: Die alten Risiken bei zu viel Sorglosigkeit im Netz sind natürlich auch noch da:

„Die Welt digitalisiert sich und genauso digitalisiert sich natürlich die organisierte Kriminalität. Die seit 2009 – da gibt es verschiedene Statistiken drüber – mehr Geld mit Cybercrime verdient als mit Drogen.“, sagt Arne Schönborn.

Und so müssen die Sicherheitsbehörden nach den Worten von Verfassungsschutzpräsident Maaßen zur Kenntnis nehmen,

„dass wir in einer Lage leben und nicht mehr in einem Normalzustand.“

Zuletzt aktualisiert: 23.03.2017, 15:19:51