Merkel 4.0 – Ist es die richtige Entscheidung der Kanzlerin?

Gepostet am 21.11.2016 um 14:05 Uhr

Noch einmal will sie antreten: Angela Merkel hat sich für die Kanzlerkandidatur entschieden. ARD-Korrespondentin Angela Ulrich argumentiert für diese Entscheidung. ARD-Korrespondent Frank Aischmann hält dagegen.

Pro Kanzlerkandidatur Merkels

Wie hat es Angela Merkel in einem Interview vor 18 Jahren noch selbst formuliert – über ihren möglichen Ausstieg aus der Politik? „Ich will dann kein halbtotes Wrack sein“, hat sie gesagt. Und das ist Merkel jetzt auch nicht. Selbst wenn die Falten um Mund und Augen deutlich tiefer geworden sind. Angela Merkel hat immer noch eine Weitsicht, eine Übersicht, von der sich manche der impulsgesteuerten Herren im Politikbetrieb eine Scheibe abschneiden können.

Ich finde es gut, wenn die Kanzlerin klar und deutlich sagt: Ja, Mister Trump, ich weiß, dass ich mit Ihnen zusammenarbeiten muss, aber bitte auf der Basis von demokratischen Werten wie Freiheit, Gleichheit, Menschenwürde. Ich finde es richtig, wenn sie sagt: Wir wollen keine Sprache des Hasses und der Polarisierung in Deutschland, sondern durch klare Argumente Spaltungen verhindern. Statt Social Bots eine offene, transparente Meinungsäußerung pflegen.

Und: Wie hätte es ausgesehen, wenn Merkel jetzt abgetreten wäre? Als würde sie kneifen vor der Konfrontation mit der AfD, vor der Misere in der EU in Flüchtlingsfragen, zu der sie ihren Teil beigesteuert hat.

Aber: Jetzt muss Merkel liefern, mehr denn je. Konzepte, Visionen. Und sich daran messen lassen. Konkrete Antworten sind selten einfach. An Schlichtem in komplizierten Zeiten versucht sich die AfD. Es wird also noch stürmischer für Merkel. Sie kann Schiffbruch erleiden. Aber noch ist sie vom Wrack ziemlich weit entfernt.

Contra Kanzlerkandidatur Merkels

Natürlich hätte es Merkel-Alternativen gegeben. Das muss in einer ernstzunehmenden Volks-Partei mit über 400.000 Mitgliedern so sein. Leider wurde kein Merkel-Nachfolger aufgebaut? Klingt wie ein Naturgesetz, ist aber ein hausgemachter Fehler. Mal davon abgesehen, dass im Jahr 2000 inmitten der Riege hochgehandelter männlicher Kandidaten für den Parteivorsitz der verunsicherten Nach-Kohl-CDU auch niemand ausgerechnet auf Angela Merkel gewettet hätte – und ihre Karriere als langjährige Parteichefin und später Kanzlerin.

Und das ist Punkt 2: Helmut Kohl verpasste den richtigen Zeitpunkt zum Abschied, wurde nach 16 Jahren durch Abwahl gestoppt.

Angela Merkel nun sieht Europa in Schwierigkeiten: Die Flüchtlingskrise noch nicht abgearbeitet, Populisten auf dem Vormarsch und am Horizont die Industriegesellschaft 4.0, auf die wir noch nicht vorbereitet sind. Kurz: Sie wird weiter gebraucht.

Aber irgendwas ist immer, und in vier Jahren werden andere schwere Krisen die heutigen abgelöst haben. Und dann? Nochmal lieber Stabilität, Berechenbarkeit, Kontinuität, also weitere vier Jahre Merkel?

Besser wäre das Modell USA oder Russland – zwei Amtsperioden an der Spitze, das war‘s – was auch das Problem der nicht aufgebauten Nachfolgerschaft lösen würde.

Und noch eins: Eine begeisterte und begeisternde Bewerbung hat Angela Merkel gestern nicht abgeliefert. Sie sprach hölzern von Pflichtgefühl und Einsicht in die Notwendigkeit, vom langen Nachdenken und späten Entscheiden.

Nun ist die CDU dran und sollte beim Parteitag in zwei Wochen – trotz aller Dankbarkeit und Disziplin – doch Personal-Alternativen diskutieren und dabei an Voltaire denken: “Das Bessere ist der Feind des Guten”.

Zuletzt aktualisiert: 24.10.2017, 11:32:47