Merkel zehrt von ihrem Ruhm KOMMENTAR

Gepostet am 29.08.2016 um 12:50 Uhr

Die beiden mutmaßlichen Kanzlerkandidaten traten gestern gegeneinander an. In den Sommerinterviews von ARD und ZDF. Gabriel hat seine Chance genutzt, im Rahmen des Möglichen. Merkel dagegen nicht, meint Achim Wendler.

Die Nachrichten des Sonntags stammen von Sigmar Gabriel: Er habe einen Fehler gemacht mit seinem Stinkefinger für Rechtsextreme – nämlich den Fehler, dass er nicht beide Hände benutzt habe. Nachricht Nummer 2: Das Freihandelsabkommen TTIP sei gescheitert. Zwei bemerkenswerte Aussagen. Zwei Sätze eines Mannes, der offenkundig Lust hat zu kämpfen. Zuzuspitzen. Das gilt auch für seine Aussage, er habe ja schon 2015 Kontingente für Flüchtlinge verlangt, also Obergrenzen. Naja, mag schon sein, aber die Politik der SPD war halt eine andere – nämlich die der Kanzlerin, also: keine Obergrenze. Alles in allem also Nebensächliches wie der Stinkefinger, oder teils Widersprüchliches – egal, es ist offensichtlich: Der SPD-Vorsitzende kämpft. Und ihm gelingt, was nicht selbstverständlich ist: Gabriel schlägt die Kanzlerin im Ringen um den Rohstoff der Mediengesellschaft: Aufmerksamkeit. Es ist Gabriel, der gestern und heute die Nachrichten bestimmt – nicht die Regierungschefin.
Angela Merkel verzichtet darauf, Nachrichten zu setzen. Jetzt keine Steuersenkungen, jetzt nichts zur Kanzlerkandidatur, jetzt nichts zur Zukunft der Europäischen Union. Das ist ziemlich wenig. In Musils Roman “Der Mann ohne Eigenschaften” gibt es einen einflussreichen Gesellschaftsreporter. Der wird gefragt, was denn Ruhm sei. Seine Antwort: Von wirklich bedeutenden Männern wisse man eigentlich nur, dass sie ankommen und abreisen – mehr nicht. Bei Merkel scheint es inzwischen auch so zu sein: Sie kommt, gibt ein Interview, und geht. Das allein ist die, naja: Nachricht. Ein Beispiel: Merkel sagt, die Regierung habe in der Flüchtlingspolitik viele Geldmittel in die Hand genommen und viel Gesetzesarbeit gemacht. Mit Verlaub: was denn sonst, das ist Politik. Merkel hätte beschreiben können, was das alles gebracht hat – ein, zwei Beispiele. Aber nichts dergleichen. Merkel lässt sich damit auch die Chance entgehen, der AfD noch eins mitzugeben – Tage vor den Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern

Zuletzt aktualisiert: 11.12.2017, 06:58:59